«Menschenrechts-
verbrechen
öffentlich ansprechen!»

 

Foto: tanjabruecknerphotography

Der renommierte China-Forscher Dr. Adrian Zenz erhielt am 15. Oktober den erstmals verliehenen ICT-Menschenrechtspreis „Schneelöwe“. Der aus Deutschland stammende Wissenschaftler gilt international als einer der wichtigsten Kritiker der Herrschaft der chinesischen KP, seine Veröffentlichungen zu den „Xinjiang Police Files“ oder den sogenannten Arbeitsprogrammen in Tibet machten weltweit Schlagzeilen. Er forscht heute in den USA an der „Victims of Communism Memorial Foundation“. Am Tag der Preisverleihung stand uns Dr. Zenz für ein Interview zur Verfügung. 

 

Sie haben heute den Schneelöwen erhalten. Was bedeutet das für Sie?

Es ist eine besondere Ehre, eine Auszeichnung für meine Arbeit zu bekommen. Denn faktisch ist dies eine Auszeichnung, die von den Opfern dieser Menschenrechtsverbrechen verliehen worden ist und hat dadurch auch eine menschliche Dimension. Die Wissenschaft steht im Dienst des Menschen und diese menschliche Dimension ist etwas, das für mich in den letzten Jahren hier sehr wichtig geworden ist.

Sie haben in Tibet geforscht. Welche tibetischen Regionen haben Sie in dieser Zeit kennengelernt, wohin konnten Sie reisen?

Ich war in der Provinz Qinghai, ich habe mich also auf die Region der Amdo-Tibeter spezialisiert. Die meisten Tibetologen sind damals nach Lhasa gegangen oder haben die Tibet Autonomous Region besucht. Amdo war weniger erforscht, aber deswegen auch offener. Dennoch war es politisch sensibel, man wurde beobachtet und ich wurde dann auch gefragt was genau meine Forschungsfragen und mein Thema wären.

Anschließend forschten Sie auch zur Uigurenregion Xinjiang (Ost-Turkestan). Wie kam es dazu, was war der Auslöser?

Nach meiner Doktorarbeit habe ich versucht, Regierungsdaten auszuwerten, um zu schauen, wie sich Forschungsergebnisse verallgemeinern lassen und wie die Situation über verschiedene Provinzen und Regionen hinweg ist. Diese Daten habe ich dann 2016 in Bergen in Norwegen vorgestellt, bei dem alle drei Jahre stattfindenden Treffen der International Association for Tibetan Studies.

Das war dort ein absolutes Nischenthema, öffentliche Stellenausschreibungen von Polizei- und Sicherheitsbehörden auszuwerten. Das ist dann immer weiter gewachsen, eins ergab sich aus dem anderen, auch die Datenarbeit hat sich immer stärker ausgeweitet.

Wie arbeiten Sie konkret?

Ich habe mittlerweile ein Team von Menschen, die mich unterstützen. Seit 2019 habe ich auch eine Forschungsassistentin, die Muttersprachlerin ist. Meine Datenarbeit bezieht sich immer auf eine Bandbreite von Quellen, ich arbeite also nie nur mit einer Quelle, sondern mit verschiedenen Arten von Quellen. Der Grundimpuls für neue Forschungsarbeit entsteht eigentlich immer aus Zeugenaussagen, wo also Zeugen gekommen sind und gesagt haben, ich war in der Zwangsarbeit oder ich wurde sterilisiert oder ich war im Lager.

Diese Zeugenaussagen sind oft anfänglich sehr isoliert. Die Opfer des Systems verstehen auch meist gar nicht die Politik, die dahintersteht. Die Erarbeitung des systemischen Verständnisses ist deshalb immer meine Hauptaufgabe gewesen.

Sie gelten mittlerweile als einer der wichtigsten Kritiker der Herrschaft der chinesischen KP weltweit. Wie wirkt sich die damit verbundene Aufmerksamkeit auf Sie persönlich und Ihre Arbeit aus?

Es ist schwierig gewesen, so in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit zu geraten, das hatte ich nicht erwartet und es ist auch nicht leicht. Ich bin halt überzeugter Christ, das wird mir auch oft vorgeworfen, was eigentlich ganz ironisch ist, denn es ist ja gerade die Religion, an der die Tibeter und die Uiguren festhalten, es ist ihre Identität. Für mich ist es persönlich besonders traurig, wenn die Kritik aus westlichen Kreisen kommt. Diese Meinungen von Menschen, die dann auch Einfluss auf die Politik haben, das ist nachteilig für unser eigenes Land, weil wir uns hier in Deutschland so stark von Autokraten abhängig gemacht haben, sei es von Putin, sei es von Xi Jinping.

Und diese Einstellung führt dazu, dass man Menschenrechtsverbrechen nicht laut anspricht und dass man, wenn es um China geht, plötzlich kleinlaut wird oder sagt, das bringt ja ohnehin nichts. Das ist eine ganz fatale Fehleinschätzung, der so noch Vorschub geleistet wird. Aber immerhin, verhindert wurde es ja trotzdem nicht, es ist in die Presse gekommen, die Wahrheit ist an den Tag gekommen.

Welche Empfehlungen an die deutsche Politik haben Sie und warum ist der Blick auf das Schicksal der Tibeter in der VR China so wichtig?

Die deutsche Politik muss unsere Werte klar vertreten. Wenn Menschenrechtsverbrechen stattfinden, muss es auch öffentlich angesprochen werden und nicht hinter verschlossener Tür. Von der Regierung müsste das viel stärker thematisiert werden und es müssten auch stärkere Konsequenzen gezogen werden. Außerdem müssen wir Abhängigkeiten reduzieren. Nicht dass wir uns von China komplett abschotten, aber wir müssen die strategischen Abhängigkeiten reduzieren und auch verstehen, wie China die Strippen zieht und versucht, uns im Westen zu manipulieren und mundtot zu machen. Das muss klar thematisiert werden.

 

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