ICT-Interview:
«Wir müssen den
Klimawandel stoppen!»

 

Foto: privat

Ein Interview mit dem Geowissenschaftler und Glaziologen Dr. Tobias Bolch. Er forscht und lehrt an der School of Geography and Sustainable Development der traditionsreichen schottischen Universität St. Andrews (gegründet 1413).

Dr. Bolchs Forschungsschwerpunkt ist die Massenveränderung von Gletschern unter dem Einfluss des Klimawandels, er gilt als einer der weltweit führenden Experten auf diesem Gebiet. Seine Forschungsreisen haben ihn bereits mehrfach ins tibetische Hochland und die angrenzenden Gebirgsketten geführt.

 

Tibet-News: Wie wirkt sich der Klimawandel in Tibet aus? Wenn nicht massiv gegengesteuert wird, wo sehen sie Tibet beispielsweise in 20 Jahren?

Dr. Tobias Bolch: Die Temperaturen werden, wie in den meisten Gebieten der Erde, deutlich ansteigen. Es wird sogar ein überdurchschnittlicher Anstieg erwartet. Modellrechnungen sagen im Durchschnitt auch einen leichten Anstieg der Niederschläge voraus; allerdings wird insbesondere die Variabilität der Niederschläge zunehmen. Durch die Temperaturerhöhung werden mehr Niederschläge als Regen und weniger als Schnee fallen. Dies wird dazu führen, dass die Gletscher deutlich abschmelzen werden. Zudem wird der Permafrost (also dauerhaft gefrorener Boden, der in Tibet weit verbreitet ist) abtauen. Das Abschmelzen der Gletscher wird auf dem Tibetischen Plateau selber, das insbesondere durch abflusslose Becken und Seen gekennzeichnet ist, zu einem Anstieg der Seenspiegel und dies wiederum zu Überflutungen wertvoller Weideflächen führen.

In den Gebirgen Tibets und den umliegenden Gebirgen wird das Risiko der Naturgefahren zunehmen. Dies bedeutet, es wird verstärkt zu Bergstürzen und auch Gletscherseeausbrüchen (Ausbrüchen von Seen, die sich im Gletschervorfeld durch den Gletscherrückzug gebildet haben) führen, bei denen sich Flutwellen ins Tal ergießen. Ein besonderes Phänomen, das in jüngster Zeit vermehrt ereignet hat, sind Gletscherabbrüche, bei denen ein größerer Teil des Gletschers ins Tal abrutscht.

Es ist leider damit zu rechnen, dass sich selbst bei massiven Gegensteuern der Klimawandel und dessen Folgewirkungen nicht kurzfristig (in 10-20 Jahren) stoppen lässt. Allerdings haben wir es sehr wohl in der Hand, die langfristigen Folgen deutlich zu verringern. So ist es z. B. zu erwarten, dass bei einem Weiter-So wie bisher 70-90% der Gletscher bis zum Ende dieses Jahrhunderts verschwunden sein werden und der Gletscherschwund auch danach anhält. Bei massivem Gegensteuern werden die Gletscher 30-50% ihres derzeitigen Volumens verlieren sich aber nach Mitte diesen Jahrhunderts stabilisieren und nicht weiter abschmelzen.

Blick auf den Himalaja von Südtibet aus. (Foto: privat)

 

Tibet gilt als der „dritte Pol“. Was bedeutet das konkret und warum geht es uns alle etwas an?
In den Gebirgen des Tibetischen Plateaus und den umliegenden Gebirgen wie dem Himalaja oder dem Pamir liegen die größten vergletscherten Flächen außerhalb der Polarregionen unserer Erde. Sollten die Gletschermassen verstärkt abschmelzen, wird dies zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen. Zudem wird mittel- bis langfristig (also in 30-70 Jahren) der Gletscherbeitrag zum Gesamtabfluss der großen Ströme wie dem Indus, Ganges, Brahmaputra oder Jangtsekiang deutlich abnehmen. Insbesondere die Tiefländer des Indus, in dessen Einzugsgebiet es im Sommer wenig regnet, werden von Wasserknappheit betroffen sein. In den Einzugsgebieten der meisten anderen großen Flüsse sorgt der Sommermonsunregen zwar dafür, dass diese Flüsse auch weiterhin im Durchschnitt große Abflussmengen haben werden, allerdings ist der Monsunniederschlag sehr variabel und in Jahren mit geringeren Niederschlägen spielt der Gletscherwasserabfluss eine wichtige Rolle.

Es ist damit zu rechnen, dass in einigen Regionen nicht mehr genügend Wasser, z. B. zur Bewässerung der Felder, vorhanden sein wird und die lokale Bevölkerung in andere wasserreichere Regionen flüchten muss. Diese zu erwartenden Klimaflüchtlinge werden auch Europa vor eine Herausforderung stellen. Weiterhin hat das Tibetische Plateau und die umliegenden Gebirge einen bedeutenden Einfluss auf das globale Wetter- und Klimageschehen. Veränderungen des Klimas auf dem Plateau werden daher globalen Einfluss haben. Diese vorauszusagen ist allerdings mit hohen Unsicherheiten behaftet. Und ich bin in diesem Feld auch kein Experte, um detailliertere Aussagen treffen zu können.

Dr. Tobias Bolch in Tibet. (Foto: privat)

 

Warum verläuft die Erwärmung in Tibet so viel schneller als im weltweiten Durchschnitt? Wie stark ist dabei der Einfluss der klimaschädlichen Emissionen aus China?

Eine Ursache für die verstärkte Erwärmung liegt in der Höhe des Plateaus und der Berge. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Erwärmung auch von der Höhe abhängt. Dies hat mehrere Ursachen. Eine wichtige Ursache ist der selbstverstärkende Effekt der abnehmenden Schnee- und Gletscherflächen. Geschmolzener Schnee oder Eis gibt Flächen frei, die sich aufgrund der meist dunkleren Oberfläche deutlich schneller erwärmen. Von Bedeutung ist ebenfalls, dass wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann und eine feuchtere Luft die Rückstrahlung langwelliger Wärmestrahlung zur Erde erhöht. Allerdings ist die Datenlage relativ gering, da es kaum Messungen in größeren Höhen gibt. Langfristige Messungen in Höhen über ca. 4900 m existieren gar nicht. Zum Vergleich: Die meisten Bereiche des Plateaus liegen über 5000 Meter über dem Meer und die durchschnittliche Gletscherhöhe liegt je nach Region weit darüber, teilweise über 6000 m. So ist das Wissen über die Klimaänderung in großen Höhen begrenzt. Hier möchte ich die enormen Anstrengungen Chinas zur Verbesserung der Datenlage hervorheben. Umfangreiche Messungen wurden in den letzten Jahren initiiert. Allerdings wäre es hier wünschenswert, die lokale Bevölkerung mehr mit einzubeziehen und auf ihre Belange und Kultur deutlich mehr Rücksicht zu nehmen.

Zur zweiten Frage: Jegliche Emissionen klimaschädlicher Gase verstärken den Treibhauseffekt und diese Emissionen haben in China durch das schnelle Wirtschaftswachstum besonders stark zugenommen. Erwähnen möchte ich auch noch den Einfluss von Kohlestaub, der durch Industrieemissionen, aber auch durch Feuer, das z. B. zum Heizen oder Kochen verwendet wird, in die Atmosphäre freigesetzt wird. Der dunkle Staub verringert die Helligkeit der Oberfläche und trägt so zum stärkeren Schmelzen bei. Kohlestaub wurde in Eisbohrkernen selbst entlegener Gletscher gefunden. Neben China stammen die Emissionen insbesondere auch aus Nordindien. Diese überwinden mit den Monsunwinden die hohen Bergketten des Himalaja und lagern sich auf den tibetischen Gletschern ab.

Dr. Tobias Bolch in Tibet. (Foto: privat)

 

Welchen Einfluss hat die traditionelle tibetische Landwirtschaft auf die Situation in Tibet? Viele Nomaden wurden zwangsangesiedelt, die von ihnen bewirtschafteten Flächen werden nun nicht mehr von Yak- und Schafherden durchstreift. Hat das einen Effekt auf die Klimaveränderung in Tibet?

Gerne würde ich diese sehr relevante Frage informiert beantworten können. Allerdings bin ich Glaziologe und kenne mich mit den Einflüssen und Veränderungen der Landwirtschaft zu wenig aus, um hier fundiert antworten zu können. So viel kann ich allerdings sagen: Wenn die Flächen nicht mehr beweidet werden und auch anderweitig nicht mehr genutzt werden, kann es je nach Lage und Höhe zu verstärktem Bewuchs von Büschen oder Wäldern führen. Dies wäre aus ökologischen Gesichtspunkten wohl eher positiv. Untersuchungen zeigen aber auch, dass z. B. der Wiederbewuchs mit Wäldern und insbesondere höhere Baumgrenzen die höhenabhängige Erwärmung verstärken.

Weiterhin nehme ich an, dass die Yak- und Schafherden nun verstärkt in der Nähe der Siedlungen weiden. Dies führt in der Regel zur Überweidung und dünner Vegetationsdecke. Diese Flächen erwärmen sich zum einen schneller als vegetationsbedeckte Gebiete und zum anderen sind sie auch anfälliger für die Erosion (d. h., die Bodendecke wird durch Wasserabfluss und Winde abgetragen und Wiederbewuchs ist schwierig). Ich möchte auch erwähnen, dass ich bei der Analyse vorhandener hochauflösender Satellitendaten über Tibet festgestellt habe, dass die Errichtung der neuen und die Aufgabe der traditionellen Siedlungen sehr gut zu beobachten ist.

Dr. Tobias Bolch in Tibet. (Foto: privat)

 

Was muss passieren, damit Tibet auch noch im nächsten Jahrhundert ein Ort ist, an dem Menschen leben können? Welche Rolle spielen dabei die lokalen Gemeinschaften und das Umweltengagement der Tibeter vor Ort?

Wir müssen den Klimawandel stoppen. Da der Klimawandel ein globales Phänomen ist, müssen die jeweiligen Regierungen der Länder verantwortungsvolle Klimapolitik betreiben. Allerdings muss auch jeder einzelne von uns seinen Beitrag leisten. Hier spielen die lokalen Gemeinschaften und das Umweltengagement der lokalen Bevölkerung bzw. die Tibeter eine wichtige Rolle. Sie kennen ihr Land und haben gelernt nachhaltig mit den Ressourcen umzugehen, um in ihrem Land langfristig leben zu können. Die chinesische Regierung hat sich in den letzten Jahren vermehrt dem Umwelt- und Klimaschutz verschrieben. Damit dies nachhaltig und zum Wohle Tibets geschieht, ist ein starkes Engagement der Tibeter von entscheidender Bedeutung.

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