«Gefährlicher
Kompromiss bei
UN-Konferenz!»

Foto: McKaySavage-CC-BY-2.0

„China will 30 Prozent der Erde schützen“, titelte die „Süddeutsche Zeitung“. Und der „Tagesspiegel“ kommentierte den „Durchbruch bei UN-Naturgipfel in Montreal“ mit den Worten „Beim Klimaschutz geht es nicht ohne China“. Man dürfe zumindest aufatmen, „dass ein immer autoritärer werdendes China Interesse daran hat, die Naturzerstörung über Grenzen hinweg einzudämmen“, so die Zeitung.

Schließlich sei die UN-Klimakonferenz COP27 in Scharm el Scheich im November „auch deshalb ein Reinfall gewesen, weil Peking sich weigerte, seinen Status als Entwicklungsland aufzugeben, um nicht zahlen zu müssen“. Man wird den Eindruck nicht los, die internationale Gemeinschaft habe eine Einigung um jeden Preis gesucht und China so einen beachtlichen PR-Erfolg ermöglicht.

Überraschend ambitioniert sei der einstimmig gefasste Beschluss, 30 Prozent der weltweiten Meeres- und Landfläche bis 2030 unter Schutz zu stellen, so die beinahe einhellige Meinung.

Außer Acht gelassen werden dabei leider die Folgen für die Betroffenen vor Ort. Denn es steht zu befürchten, dass insbesondere die Tibeter den Preis für den umjubelten Gipfelkompromiss bezahlen müssen. Peking kann jetzt seine bereits seit Jahren betriebene desaströse Politik in Tibet weiter forcieren und diese nun mit dem Etikett des globalen Naturschutzes versehen.

Der Klimasünder Nr. 1 stellt sich als Vorkämpfer für die Artenvielfalt dar

Sollte China 30% seiner Fläche unter Naturschutz stellen, könnte dies dazu führen, dass zahlreiche Tibeter, Uiguren, Mongolen usw. von ihrem angestammten Land vertrieben und in vom Staat kontrollierten Siedlungen konzentriert würden. Dort aber droht die Zerstörung ihrer kulturellen Identität.

Aus Pekings Sicht wäre das eine großartige Sache. Man hätte zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Der Klimasünder Nr. 1 könnte sich nun als Vorkämpfer für die Artenvielfalt darstellen und unter dem Beifall des Westens so nebenher sein „Minderheitenproblem“ erledigen.

Es ist höchste Zeit, dass die internationale Gemeinschaft dies zur Kenntnis nimmt. Die Bekämpfung und Vernichtung der traditionellen Lebensweise von Tibetern und anderen naturnah wirtschaftenden Völkern muss endlich auf die Tagesordnung gesetzt werden.

Nicht umsonst haben auf der Weltnaturschutzkonferenz in Montreal Vertreter indigener Völker protestiert gegen die „koloniale Praxis“ eines Naturschutzes ohne Nutzung der Flächen, wie Petra Ahne in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schrieb.

Denn die traditionelle Lebensweise vieler Völker basiert ja seit Jahrtausenden darauf, dass sie nachhaltig mit der Natur umgehen. Die nomadische Weidewirtschaft der Tibeter etwa hat erst den Lebensraum geschaffen, der heute als bedroht gilt.

Umkehrung von Ursache und Wirkung

In grotesker Umkehrung von Ursache und Wirkung wird nun im Namen des Naturschutzes vielfach gefordert, Völker wie die Tibeter sollten ihre traditionelle Lebensweise aufgeben. Ausgerechnet das KP-Regime in Peking zwingt die tibetischen Nomaden, ihre Tiere zu verkaufen und in neu errichtete Retortensiedlungen zu ziehen. Begründet wird dies dann unter anderem mit dem Umweltschutzargument.

Dabei sind es nicht die Tibeter, welche die Natur in Tibet gefährden. Mit ihrer angepassten und schonenden Lebensweise tragen sie vielmehr seit Jahrhunderten zu deren Erhalt bei. Ganz anders der „Klimasünder Nr. 1“ China, der alleine für fast ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich ist.

Seit der Besetzung Tibets durch die chinesische Armee betreibt Peking dort eine Politik, die keinerlei Rücksicht nimmt auf das sensible Ökosystem auf dem „Dach der Welt“. Diese Politik ist gekennzeichnet durch den rücksichtslosen Abbau von Rohstoffen und gigantische Infrastrukturprojekte. Minenanlagen und Staudämme haben massive Auswirkungen auf die Menschen und die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt. Seen und Flüsse werden durch Abwässer verseucht.

Die Staaten, die sich soeben in Montreal auf ein Abkommen verständigt haben, sind nun in der Pflicht. Nicht nur gegenüber der Natur innerhalb ihrer eigenen Landesgrenzen. Sondern in ganz besondere Weise gegenüber Völkern wie den Tibetern, deren Zukunft durch Pekings Instrumentalisierung dieses Naturschutzabkommens noch stärker in Gefahr ist. Falls Deutschland und andere Staaten dazu nicht bereit sind, war dies ein gefährlicher Kompromiss.

WEITERE THEMEN

«ZEITENWENDE
AUCH BEI CHINA!»

ICT: «China-Strategie muss
Tibet-Konflikt thematisieren!»

ICT-INTERVIEW
MIT SIKYONG

«Der Dalai Lama ist der Grund,
warum es uns noch gibt.»