Tibet-Politik

Takna Jigme Sangpo: „Mein Standpunkt bezüglich Tibets Zukunft bleibt unverändert"

World Tibet News, 18. März 2004
18. März 2004
Der über siebzig Jahre alte ehemalige politische Gefangene Takna Jigme Sangpo verbüßte die längste Haftstrafe von allen Gewissensgefangenen in Tibet. Nach seiner aus Gesundheitsgründen erfolgten Entlassung aus der Haft sprach er vor verschiedenen Foren über Tibet und die Menschenrechte in China. Siebenunddreißig Jahre hinter Gittern konnten den Geist des bärtigen alten Mannes nicht brechen. Körperlich gebrechlich, doch geistig voller Kraft sprach er nach seiner Ankunft in Dharamsala am 16. März mit Pressevertretern.
Hier folgen einige Auszüge aus dem Interview:
Takna – Die erste Audienz beim Dalai Lama hatte ich während der Kalachakra-Initiation in Österreich. Ich hatte dabei gemischte Gefühle und empfand Freude und Besorgnis gleichzeitig. Mir fehlten einfach die Worte, um ihm etwas zu sagen. Jetzt ist ja Dharamsala, der Sitz der tibetischen Exilregierung, zu einem zweiten Lhasa, so etwas wie einer zweiten tibetischen Hauptstadt geworden. Leider konnte ich nicht früher nach Dharamsala kommen, weil ich wegen der langen Zeit im Gefängnis in Lhasa schwere gesundheitliche Probleme hatte.
Obwohl ich dem Dalai Lama schon zweimal begegnet bin, wollte ich unbedingt auch den Sitz der tibetischen Regierung-im-Exil kennenlernen, ehe ich sterbe. Deshalb kam ich nun hierher. Ich freue mich sehr darüber und bedanke mich bei der Gu Chu Sum-Bewegung (eine Vereinigung ehemaliger politischer Gefangener) für ihre Gastfreundschaft. Ich fühle mich heute müde und muß mich ausruhen. Ich weiß, daß Seine Heiligkeit in den nächsten Tagen religiöse Lehren vortragen wird. Das macht mich sehr glücklich und ich beabsichtige ab morgen an diesen Belehrungen teilzunehmen. Ich würde gerne Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, ein paar Dinge sagen.
Ich möchte einige Monate lang in Dharamsala bleiben. Die meisten Leute im Westen, besonders die jüngeren, sind so mit ihrer Arbeit beschäftigt, daß es für mich sehr schwer ist, in Kontakt mit ihnen zu bleiben und mit ihnen zu arbeiten. Hier gibt es jedoch eine Menge Tibeter, mit denen ich reden und arbeiten kann, weshalb ich gedenke, mich hier etwas länger aufzuhalten. Als ich die Schweiz verließ, stellte ich mir Dharamsala wie die tibetische Hauptstadt Lhasa vor, weil ich von vielen Leuten gehört hatte, Dharamsala werde auch als Klein-Lhasa bezeichnet. Ich bin außerordentlich glücklich, hier zu sein, denn Dharamsala ist der Sitz Seiner Heiligkeit des Dalai Lama, des geistigen und weltlichen Oberhaupts der Tibeter, der gleichzeitig ein Apostel für den Weltfrieden ist. Abgesehen davon ist Dharamsala der Sitz der tibetischen Regierung-im-Exil. Die Einrichtung des Kashag und der zugehörigen Regierungsämter in Dharamsala ist eine enorme Errungenschaft. In Lhasa wurden trotz einiger Fortschritte der Chinesen die tibetische Sprache und Kultur zerstört. Beide stehen kurz vor der Ausrottung. Ich stimme den Worten des verstorbenen Panchen Lama voll und ganz zu, der sagte: „Die Chinesen haben in Tibet große wirtschaftliche Fortschritte erzielt, aber wenn man diesen die Zerstörung der tibetischen Sprache und Kultur gegenüberstellt, erkennt man, daß Tibet unter chinesischer Herrschaft mehr verloren als gewonnen hat". Aus diesem Grund sind so viele Tibeter, wie auch ich, hierher ins Exil gekommen. Es tut einem gut, Dharamsala mit der Exilregierung inmitten der schneebedeckten Gipfel zu sehen. Außerdem erinnert mich der Wald von Dharamsala an Kongpo (lächelt).
Frage – Gibt es eine Veränderung bei Ihren politischen Ansichten? Was halten Sie vom mittleren Weg Seiner Heiligkeit, nämlich dem Streben nach echter Autonomie für die drei traditionellen Provinzen Tibets innerhalb des Staatsverbandes der VR China?
Takna – Ich fühle mich nicht kompetent, die Politik des mittleren Weges Seiner Heiligkeit des Dalai Lama im Detail zu kommentieren. Mein politischer Standpunkt hat sich indes nicht geändert, denn ich habe 37 Jahre lang im Gefängnis um die tibetische Unabhängigkeit gerungen. Ich glaube daran, daß die tibetische Sache eines Tages triumphieren wird, denn ihre Grundlage sind Wahrheit und Gerechtigkeit. Aber bis dahin werden wir noch mit einer Vielzahl von Problemen und Hindernissen konfrontiert sein. Wir standen solchen Problemen bereits in der Vergangenheit gegenüber und wir werden auch künftig damit zu tun haben. Der Kampf Tibets (um seine
Freiheit) ist eine langwierige Angelegenheit und kann nicht innerhalb eines kurzen Zeitraums gelöst werden. In der Vergangenheit haben die Chinesen Seine Heiligkeit nur als religiösen Würdenträger gesehen, und sie meinten, Seine Heiligkeit arbeite nur für die Förderung der Menschenrechte überall auf der Welt. Sie sagten, er könne keinesfalls politische Arbeit leisten. Aber als sie sahen, daß Intellektuelle und Führungspersönlichkeiten auf der ganzen Welt viel auf die politischen Ansichten Seiner Heiligkeit geben und ihn sogar als eine Art Experten in politischen Dingen betrachten, begannen sie ihn ernst zu nehmen. Die Chinesen pflegten sogar zu sagen: „Oh, der Dalai Lama ist wirklich ein besonderer Mensch". Deshalb nehme auch ich die Ansichten Seiner Heiligkeit sehr ernst.
Ich bin aber auch ein sehr sturer Mensch und ändere meinen eigenen Standpunkt nicht. Bis zu meinem letzten Atemzug werde ich fortfahren, für die Unabhängigkeit Tibets zu kämpfen. Wie ich nach meiner Ankunft hier erkannte, sieht der Lösungsansatz Seiner Heiligkeit für Tibet die tatsächliche Autonomie der drei ursprünglichen tibetischen Provinzen vor, damit die Tibeter innerhalb der Grenzen Chinas wirtschaftlichen Fortschritt und die Erhaltung ihrer Identität und Kultur anstreben können. Seine Heiligkeit verfügt meiner Ansicht nach über großes Wissen in politischen wie auch in religiösen Dingen. Seine Politik des mittleren Weges ist ein pragmatischer Ansatz zur Lösung der tibetisch-chinesischen Problematik, die sowohl Tibet als auch China zum Nutzen gereichen soll. In China finden zur Zeit dramatische Veränderungen statt und die derzeitigen Führungskader der VR China sind nicht so ideologiebesessen und verbohrt wie Mao. Deshalb glaube ich, besonders wenn man an die jüngsten Besuche der tibetischen Delegation in China und Tibet denkt, daß die gegenwärtigen Führer der VR China den Ansatz des mittleren Weges Seiner Heiligkeit des Dalai Lama durchaus in Betracht ziehen könnten.
Frage – Und was ist Ihre Botschaft für Ihre tibetischen Landsleute in Tibet?
Takna – Die Chinesen zerstören systematisch die tibetische Kultur und Tradition. Außerdem gibt es in Tibet grobe Menschenrechtsverletzungen. Die Chinesen sprechen viel von Menschenrechten, doch das Hauptproblem sind die politischen Rechte. Sie versuchen die in Tibet lebenden Tibeter dadurch zu manipulieren, daß sie die eigentliche politische Frage ignorieren. Ich weiß aber, daß die Tibeter in Tibet sich nicht manipulieren lassen. Dessen bin ich mir absolut sicher. In der Vergangenheit haben schon viele Tibeter ihr Leben für die Unabhängigkeit Tibets geopfert. Ich appelliere an meine tibetischen Landsleute, ihren Kampf gegen die chinesische Besetzung fortzusetzen und ich wünsche und hoffe aus tiefstem Herzen, daß sowohl Sie als auch die Menschen in Tibet in unser aller Kampf um die Unabhängigkeit nicht nachlassen.
(Gemeinschaftsübersetzung aus dem Englischen)
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