Tibet-Politik

Verstorbener Mönch schrieb Brief an die Menschheit

13. Oktober 2003
Nyima Drakpa, ein tibetischer Mönch, starb am 2. Oktober 2003 an den Folgen der Folter in einem chinesischen Gefängnis. In seiner letzten dokumentierten Mitteilung forderte er internationale Aufmerksamkeit für Chinas grausamen Umgang mit dem tibetischen Volk.
Drakpa ist ein Mönch aus dem Nyatso Kloster in Tawu, Osttibet (derzeit eingegliedert in die Provinz Sichuan). Bevor er nach Tibet zurückkehrte, lebte er in den neunziger Jahren kurzzeitig in dem neu errichteten Kloster Ganden in Südindien. Er spricht über die Diskriminierung, derer sich das tibetische Volk ausgesetzt sieht – sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch im chinesischen Rechtssystem.
Drakpa wurde im Jahre 2000 verhaftet, weil er Plakate für die tibetische Unabhängigkeit aufgehängt hatte. Während er seine Haftstrafe abdiente, starb er nach Angaben des Tibet Information Network (TIN) am 2. Oktober 2003 in einem Krankenhaus, in das er zehn Tage zuvor eingeliefert worden war.
Drakpas Mitteilung, verfasst im Jahre 2001, richtete sich an den Dalai Lama und das tibetische Volk. Nach seinem Tod wurde sie durch einen weiteren Mönch des Klosters Ganden veröffentlicht.
Es folgt eine grobe Übersetzung der tibetisch-sprachigen Mitteilung (dessen Kopie die International Campaign for Tibet erhalten hat), auf Grundlage der von TIN bereitgestellten Übersetzung:
Ein Hilferuf aus der Tiefe meines Herzens
An Seine Heiligkeit den Dalai Lama und alle tibetischen Landsleute
Mein Name ist Keri Nyima Drakpa (sked ri’i nyima grags pa); ich bin ein junger Tibeter aus der Gegend von Tawu (Chinesisch: Daofu) in Kham. Ein Sprichwort sagt „Obwohl es klein ist, fehlt dem Murmeltier kein einziges physisches Attribut". In demselben Sinne bin ich weder ein großer Gelehrter noch habe ich weitreichenden Einfluß oder Macht, jedoch besitze ich eine grenzenlose Liebe und Sorge für unser Volk. Wiederholt habe ich die Situation analysiert, die aus der Rückständigkeit unseres Volkes, der Vorenthaltung der Menschenrechte und politischen Freiheit durch die unterdrückende herrschende Klasse erwächst. Die Unterdrückung reicht soweit, dass wir noch nicht einmal das Recht besitzen, unsere eigene Sprache zu verwenden.
Ich studierte die ruhmreiche Geschichte unserer Vorfahren und ihre Art und Weise, politische Autorität und die Herrschaft über das Land auszuüben. Dies bestärkte meinen eisernen Entschluss, dass ich, sollte es notwendig sein, bereit wäre, mein eigenes Leben für das Wohl meines Volkes zu opfern. In der Hoffnung, dass meine tibetischen Landsleute wahre Freiheit genießen würden und mit dem Gedanken, wie wundervoll es wäre, eine tibetische Nation zu errichten, schrieb ich mit großem Ernst mehrere Plakate. Sie forderten, "alle Chinesen auf, in ihre Heimatstädte zurückzukehren und Tibet seine Unabhängigkeit zu geben." Ich befestigte sie an der Ecke und den Wänden des Regierungsgebäudes unseres Distrikts am 7. Januar 2000, am 9. April 1998, am 10. November 1999, am 12. November 1999, am 19. November 1999, am 6. Dezember 1999 und am 29. Dezember 1999. Auf jedes Poster schrieb ich deutlich meinen Namen.
Bevor ich irgendeines meiner Ziele erreichen konnte, geriet ich jedoch, unglücklich wie ich bin, in die Hände der grausam unterdrückenden Chinesen.
Letztes Jahr, am 22. März, hielt ich mich gerade in Lhasa auf, als vier Offiziere des Sicherheitsbüros von Tawu kamen, um mich auf der Stelle zu verhaften. Daraufhin begannen sie, ohne mir auch nur eine einzige Frage zu stellen, auf mich einzuschlagen wie auf eine Trommel, so dass ich nicht mehr in der Lage war zu sprechen. Anschließend wurde ich in ein Flugzeug nach Chengdu geschafft, ohne dass man mir auch nur einen Tropfen Wasser oder ein Bissen gegönnt hätte.
Bei meiner Ankunft in Chengdu ließen sie mich von einigen Kadern des chinesischen Sicherheitsbüros verprügeln. Die Wiedergeburten des schwarzen Teufels selbst, personifiziert in den chinesischen Kadern, banden mich fest und schlugen mich so gnadenlos, dass ich weder tot noch lebendig war. Ich verlor mein Bewusstsein. Als ich wieder erwachte, war es etwa elf Uhr nachts. Mein gesamter Körper schmerzte qualvoll, ich konnte mich kaum bewegen. Insbesondere bemerkte ich, dass meine beiden Beine gelähmt und gefühllos waren.
Zehn Tage nachdem wir in Tawo angekommen waren, begannen sie, mich zu verhören. Trotz der intensiven quälenden Schmerzen am ganzen Körper und trotz meiner unglücklichen Lage gelang es mir, ihnen genau von all meinen Überzeugungen, die ich tief in meinem Herzen trage, zu berichten. Ich bestätigte, dass ich alle Poster geschrieben habe.
Deshalb wurde ich letztes Jahr am 5. Oktober vom Gericht in Karze (Chinesisch: Ganzi), Autonome Region Tibet, zu neun Jahren Haft verurteilt. Ich befinde mich inzwischen jedoch in einem derartig schwachen Zustand, dass ich keinen Bissen mehr essen kann. Meine Beine sind gelähmt aufgrund der grausamen Behandlung durch die Chinesen. Mir ist daher bewusst, dass ich in Kürze sterben werde. Ich habe keinerlei Angst, zu sterben.
Ich hoffe, dass dieses Schreiben meinen Onkel mütterlicherseits, Jowo Kyab, oder meine tibetischen Landsleute, die stolz auf ihr Volk sind und es ehren, erreicht. Während sich das Leben dieses elenden Tibeters dem Ende zuneigt, bitte ich euch eindringlich, sicherzustellen, dass die Wahrheit über Chinas Terror gegenüber dem tibetischen Volk durch grausame Behandlung und Bestrafung von Menschen wie mir durch die gesegneten Büros Seiner Heiligkeit des Dalai Lama in der internationalen Gemeinschaft breitflächig bekannt gemacht wird.
Zusätzlich dränge ich meine tibetischen Landsleute, die aus demselben Fleisch und Blut sind, die Wahrheit herauszufinden und zu verstehen, wie die Chinesen uns durch offene Unterdrückung und durch illegale und unmoralische Aktivitäten misshandeln. Wir müssen uns zusammenschließen, koste es was es wolle, und uns gegen China auflehnen.
Keri Nyima Drakpa
1. April 2001 zurück zur Übersicht

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