Tibet-Politik

„Disneyfizierung“: Tourismuswelle zerstört Tibet

von Paul Miles, The Daily Telegraph, London
9. April 2005
UNESCO besorgt um Lhasas Weltkulturerbe. China will bis 2020 jährlich 10 Millionen Besucher anzulocken.
Chinas Pläne, den Tourismus in Tibet um ein Neunfaches auszudehnen wird zu einer “Disneyfizierung” der Himalajaregion führen, klagen Umweltschützer und britische Reiseveranstalter. Losang Jamcan, stellvertretender Vorsitzender der Autonomen Region Tibet (TAR) erklärte, die im März veröffentlichten Pläne sähen eine Zunahme des Fremdenverkehrs von 1,1 Millionen registrierter Besucher im vergangenen Jahr auf mehr als 10 Millionen bis 2020 vor. Obwohl die Mehrzahl der Besucher aus anderen Teilen Chinas kommen werden, werden auch mehr als eine Millionen Besucher aus dem Ausland erwartet. Die chinesische Führung Tibets erklärt, die Pläne seien entworfen worden, um die Verstädterung und die Entwicklung der Infrastruktur in der Region voranzutreiben. Zudem sollen sie dazu beitragen, die traditionelle Kultur und Umwelt zu erhalten. Doch Organisationen, die für die Unabhängigkeit Tibets kämpfen, setzen sich gegen eine Entwicklung des Tourismus in diesem Ausmaß ein. Auch britische Spezialreiseveranstalter wehren sich gegen diese Pläne, da sie durch den Bau von Hotels die Zerstörung der Kultur in der Region fürchten.
Thierry Dodin, Geschäftsführer des Tibet Information Network, das unabhängige Nachrichten und Berichte aus der Region bereitstellt, erinnert an die systematische Zerstörung tibetischer Tempel, Gutshäuser und Verwaltungsgebäude in der Hauptstadt Lhasa im vergangenen Jahrzehnt, um Platz für Touristenhotels und Straßen zu schaffen. Vergangenen Herbst begannen in Lhasa die umstrittenen Rennovationsarbeiten der Haupttouristenstraßen um den Jokhang Tempel und den berühmten Potala Palast. Times of Tibet, ein online Nachrichtendienst, der sich für die Freiheit Tibets einsetzt, hat diese Arbeiten verurteilt. Durch sie würde lediglich die Anzahl der frisch im zeitgenössischen chinesischen Stil errichteten Gebäude erhöht, die an der Fassade mit Dachgesims in tibetischen Stil verziert werden. Die Arbeiten seien nicht von Tibetern, sondern von chinesischen Wanderarbeitern verrichtet worden und wären lediglich eine Karikatur tibetischen Stils, so der Nachrichtendienst. „Die Kultur wurde bereits zu einem großen Teil zerstört“, so Dodin. „Die Dachgesimse in tibetischem Stil sind fürchterlich, billig und erinnern an Disneyland.” Die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (Unesco), die den Potala Palast, den Jokhang Tempel und den Sommerpalast des Dalai Lama (alle in Lhasa) als Weltkulturerbe klassifiziert, hat ebenfalls Besorgnis über die Zerstörung von Lhasas traditionellem Stadtbild geäußert. Unter Berufung auf die Erkenntnisse einer Arbeitsgruppe, die 2003 nach Lhasa geschickt wurde, riefen die Vertreter der Unesco die chinesischen Behörden auf, die “Zerstörung von Lhasas Stadtstruktur“ zu beenden und eine „Pufferzone um die angesprochenen Gebäude“ sicherzustellen. Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung der Unesco wird Anfang kommenden Monats in die tibetische Hauptstadt zurückkehren, um zu sehen, ob China die Forderungen der Organisation erfüllt hat. Die Unesco fürchtet, dass mangelhafter Schutz und Stadtplanung das Weltkulturerbe der Stadt gefährden. Phil Colley, Geschäftsführer von Oriental Caravan, einem Spezialreiseveranstalter für Tibet, sagte: “Es ist vollkommen und schlichtweg lächerlich den Anspruch zu erheben, die Chinesen würden dazu beitragen, die traditionelle Kultur und Umwelt zu schützen. Sie verwandeln eine ehemals lebendige pulsierende Kultur in einen kitschigen buddhistischen Freizeitpark, dessen einziger Sinn in der finanziellen Ausbeutung des Tourismus durch die Beijinger Behörden liegt.” Laut Alison Reynolds, der Geschäftsführerin der Free Tibet Campaign, erschweren die chinesischen Behörden den Tibetern zudem, als Reiseführer tätig zu werden. Sie rief Besucher auf, so unabhängig wie möglich zu reisen und sicherzustellen, dass die genutzten Dienstleistungen finanziell den Tibetern zugute kommen. Ein Sprecher des Nationalen Tourismusbüros China wies diese Kritik zurück. Es sei “natürlich für die Regierung, alte Architekturwerke niederzureißen”. Der Dalai Lama fordert im Exil Touristen auf, Tibet zwar zu besuchen, er legt ihnen jedoch dringend ans Herz, sich mit der Geschichte der Region vollständig vertraut zu machen.
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