Berlin, 15.09.2022. In einem am 13. September veröffentlichten Bericht stellt das kanadische „Citizen Lab“ fest, dass die chinesischen Sicherheitsbehörden in den letzten sechs Jahren zwischen 920.000 und 1,2 Millionen DNA-Proben in der sogenannten Autonomen Region Tibet (TAR) gesammelt haben könnten. Diese Zahlen repräsentieren ein Viertel bis ein Drittel der Gesamtbevölkerung der TAR, die sich über den größten Teil Westtibets erstreckt. Human Rights Watch veröffentlichte bereits in der vergangenen Woche ebenfalls einen Bericht, demzufolge die chinesischen Behörden systematisch DNA von Bewohnern der TAR sammeln, unter anderem durch Blutabnahmen von Kindern im Alter von fünf Jahren und dies ohne die Zustimmung ihrer Eltern.

„Chinas massenhafte DNA-Sammlung in Tibet ist empörend, und sie muss sofort aufhören. Wir sind in großer Sorge, dass diese Gendaten genutzt werden, um die ohnehin schon starke Überwachung in Tibet noch weiter auszubauen. Diese Praxis stellt ohne Zweifel einen schweren Eingriff in die Rechte des Einzelnen dar“, so die International Campaign for Tibet (ICT).

„Tibet ist offensichtlich Versuchslabor für die repressiven Methoden der Kommunistischen Partei, dazu zählen eine ständige, technologisch forcierte Massenüberwachung und die Stationierung von Kadern der Kommunistischen Partei in Dörfern, Städten und buddhistischen Klöstern. Was in Tibet getestet wurde, hat die KP an den Uiguren auf schreckliche Weise perfektioniert“, so ICT weiter.

In seinem Bericht dokumentiert Citizen Lab, dass das DNA-Sammelprogramm nichts mit möglicherweise legitimer Strafverfolgung zu tun hat. „[Unsere] Analyse zeigt, dass die Polizei in ganz Tibet jahrelang DNA-Proben von Männern, Frauen und Kindern gesammelt hat, von denen keiner einer Straftat verdächtig gewesen zu sein scheint“, so Citizen Lab. Die Behörden zielten auch nicht auf bestimmte Gruppen wie Aktivisten oder Regierungskritiker ab. Stattdessen sammelten sie DNA von ganzen Gemeinschaften.

In ähnlicher Weise stellt Human Rights Watch in seinem Bericht fest: „Es gibt keine öffentlich zugänglichen Beweise dafür, dass Menschen die Teilnahme an der DNA-Sammlung ablehnen könnten“, „oder dass die Polizei glaubwürdige Beweise für kriminelles Verhalten hat, die eine solche Sammlung rechtfertigen könnten.“

Zu den am meisten beunruhigenden Erkenntnissen von Human Rights Watch gehört die Blutentnahme bei Kindern. Dazu zählt die Blutabnahme von Kindergartenkindern in Tibets Hauptstadt Lhasa und die DNA-Sammlung von allen Jungen ab fünf Jahren in einer tibetischen Gemeinde in der Provinz Qinghai.

Ebenso beunruhigend ist, dass mindestens ein amerikanisches Unternehmen DNA-Profiling-Kits an die Polizei in der TAR liefert. „The Intercept“ berichtete, dass das in Massachusetts ansässige Unternehmen Thermo Fisher letzten Monat einen Vertrag über die Lieferung von DNA-Kits im Wert von 160.000 US Dollar an die Polizei in der TAR abgeschlossen hat. Auf den Websites der chinesischen Regierung veröffentlichte Beschaffungsdokumente zeigen auch, dass die Polizei in Lhasa, der Hauptstadt Tibets, im Oktober 2021 rund 173.000 US-Dollar für ein Upgrade auf die 3500 Genetic Analyzer-Linie von Thermo Fisher ausgegeben hat. Auch die Polizei in der Autonomen Region Tibet hat im August 2021 offenbar Thermo Fisher-Ausrüstung gekauft.

Pressekontakt:

Telis Koukoullis
Pressereferent
Tel.: +49 (0) 30 27 87 90 86
E-Mail: telis.koukoullis(at)savetibet.de
Twitter: @savetibet

International Campaign for Tibet Deutschland e.V.
Schönhauser Allee 163
10435 Berlin
www.savetibet.de

Die International Campaign for Tibet (ICT) setzt sich als weltweit größte Tibet-Organisation seit 30 Jahren für die Wahrung der Menschenrechte und das Selbstbestimmungsrecht des tibetischen Volkes ein. ICT unterhält Büros in Washington, D.C., Amsterdam, Brüssel und Berlin sowie ein Rechercheteam in Dharamsala, Indien.