Blackbox China:
Peking verhindert
Berichte über Sturzflut
Foto: x.com/resoundnews/
Wikimedia Commons*
Auch mehr als einen Monat nach der verheerenden Sturzflut vom 26. August ist das wahre Ausmaß der Schäden in Tibet nicht bekannt. Während auf der nepalesischen Seite des Katastrophengebiets von Anfang an internationale Hilfsorganisationen und Journalisten tätig sein konnten, blendet die Blackbox China die wahre Lage auf der tibetischen Seite komplett aus. Alle Bilder und Informationen, die es aus Tibet gibt, sind von den chinesischen Behörden sorgfältig kuratiert. An die Öffentlichkeit gelangen ausschließlich Nachrichten der chinesischen Propagandamedien.
Posts und Videos in den Sozialen Medien Chinas hingegen wurden von den Behörden gelöscht und Verfasser solcher Beiträge verfolgt. Laut chinesischen Staatsmedien wurden im Rahmen der Kampagne „Sauberes Netz 2026” zwölf Personen wegen der „Verbreitung von Gerüchten” belangt, weil sie in den Sozialen Medien über die Zahl der Todesopfer und das Ausmaß der Verwüstungen in Tibet geschrieben haben. Welche Sanktionen gegen diese Personen verhängt wurden und ob es noch weitere Fälle gab, wird in dem Bericht, der von „zwölf typischen Fällen” spricht, nicht genannt.
Parallelen zum Erdbeben in Südtibet im Januar 2025
Gleichzeitig geben Berichte Anlass zur Sorge, denen zufolge private Hilfsmaßnahmen von Tibetern unterbunden werden, mutmaßlich um Solidaritätsbekundungen unter Tibetern abseits staatlicher Kontrolle zuvorzukommen. Dieses Vorgehen ist nicht neu und war bereits bei dem schweren Erdbeben in Südtibet im Januar 2025 zu beobachten. Tibeter, die seinerzeit Bilder oder Videos der Erdbebenfolgen veröffentlichten, wurden inhaftiert, ihre Mobiltelefone beschlagnahmt und Online-Inhalte gelöscht. Damals verhinderten chinesische Sicherheitskräfte auch den Zugang von tibetischen Helfern und verwehrten selbst Mönchen und Nonnen den Zugang, die für die Opfer beten wollten.
ICT-Geschäftsführer Kai Müller sagte dazu: „Repressionen wegen angeblicher Verbreitung von Gerüchten oder Falschinformationen sind absolut inakzeptabel. Aus der Reaktion der chinesischen Behörden spricht offensichtlich auch die Sorge, die Kontrolle über den Informationsfluss aus Tibet zu verlieren. Und darüber hinaus, dass sich Tibeter untereinander solidarisieren könnten. Besonders heikel dürfte die Katastrophe für Peking auch vor dem Hintergrund sein, dass Tibet Schauplatz massiver und hochriskanter Staudammprojekte der Regierung ist.“
Sturzflut als Beleg für das Scheitern des chinesischen Entwicklungsmodells
Die Sturzflut vom 26. August 2026 verursachte in Tibet und Nepal verheerende Schäden. Die Katastrophe forderte hunderte Tote oder Vermisste und das Ausmaß der Verwüstung ist erschütternd. Innerhalb von Minuten zerstörte die Flutwelle im Gebiet zwischen Tibet und Nepal die mächtige chinesische Grenzanlage im südtibetischen Kyirong und damit eine wichtige Handelsroute Chinas für Südasien. Die Katastrophe darf als Beleg für das Scheitern des chinesischen Entwicklungsmodells gelten.
Jahrzehntelang rechtfertigte der chinesische Slogan rending shengtian („menschliche Entschlossenheit kann die Natur besiegen“) groß angelegte Bau- und Entwicklungsprojekte in Tibet und China, die darauf abzielten, schwieriges Terrain zu überwinden und die Umwelt zu beherrschen. Dennoch zeigten die jüngsten Überschwemmungen in Tibet und Nepal die Grenzen und teils katastrophale Versäumnisse des Entwicklungsmodells der Kommunistischen Partei Chinas. Die Sturzflutkatastrophe hat deutlich gemacht, dass selbst die ehrgeizigsten und aufwändigsten Entwicklungsprojekte gegen die Naturgewalten machtlos sind.
Tibets nachhaltige Wirtschaftsweise endet mit der chinesischen Besetzung
Im Gegensatz zum Modell Pekings haben die Tibeter seit Jahrhunderten erkannt, wie wichtig Umweltschutz und der sorgsame Umgang mit Ressourcen angesichts der besonderen geographischen Lage ist. Dieses widerstandsfähige und nachhaltige Modell wurde mit Chinas Besetzung Tibets ausgehebelt. Mit der damit einhergehenden Ideologie der KP Chinas, dass Menschen die Natur kontrollieren könnten, begann der rücksichtslose Ausbau der Infrastruktur auf dem tibetischen Hochland, der in vielerlei Hinsicht das empfindliche Ökosystem Tibets destabilisierte und die Wahrscheinlichkeit häufigerer und schwerwiegender Naturkatastrophen immer weiter erhöhte.
Die Sturzflut in Tibet und Nepal ist eine tragische Erinnerung daran, wie lebenswichtig es ist, Ressourcen nachhaltig, schonend für die Umwelt und vor allem in Einklang mit den enormen Naturgewalten des Himalaja zu nutzen. Im Gegensatz zu Pekings Top-down-Ansatz bieten die jahrhundertelange Bewirtschaftung und Fürsorge durch die Tibeter vor Ort ein alternatives und positives Modell des Umgangs mit der Natur und des Umweltrisikomanagements, das China dringend berücksichtigen muss.
Chinesische Großprojekte erhöhen Umweltrisiken in Tibet und der Region
Die auf dem maoistischen Leitsatz „der Mensch muss die Natur besiegen“ basierende Weltanschauung des chinesischen Regimes behandelt Tibet nicht als sensibles Hochland-Ökosystem oder heilige Landschaft, sondern als Territorium, das unterworfen und in den chinesischen Staat integriert werden soll. Seit den 1950er Jahren und insbesondere nach dem Jahr 2000 erfolgte eine dramatische Beschleunigung riesiger Infrastrukturprojekte durch den chinesischen Staat.
Die Golmud-Lhasa-Eisenbahn wurde im Jahr 2006 fertiggestellt und später bis Shigatse verlängert. Für das Megaprojekt wurden der Permafrost und die hohen Pässe des Plateaus durch 36 Tunnel (7 zwischen Golmud-Lhasa und 29 auf dem Abschnitt Lhasa-Shigatse) durchbrochen. Heute durchqueren Autobahnen die Landschaft Tibets, während Hunderte von Wasserkraftwerken die Quellgebiete der wichtigsten Flüsse Asiens nutzen. Flughäfen, Hochspannungsleitungen, Bergbauanlagen und städtische Zersiedelung prägen die einzelnen Regionen immer stärker.
Tibets Rohstoffe werden ausgebeutet
Während solche Projekte von China offiziell mit Armutsbekämpfung, Modernisierung, nationaler Sicherheit und Umweltschutz begründet werden, dienen sie in Wirklichkeit dazu, die politische Kontrolle zu verschärfen, die Rohstoffe Tibets auszubeuten und die traditionelle tibetische Lebensweise zu verändern. Darüber hinaus schaffen sie erhebliche Umweltrisiken auch für die Nachbarländer.
Auf kultureller Ebene hat das Ausmaß des Wandels jenes tibetische Wissen an den Rand gedrängt, das lange Zeit die Harmonie mit der Natur betonte. Im Gegensatz zu der traditionellen Lebensweise und dem kulturellen Wissenssystems der Tibeter ist der chinesische Parteistaat von der tiefen Überzeugung geprägt, dass Technologie und staatliche Macht die Natur beherrschen können und sollen. In Tibet bestimmt diese KP-Ideologie weiterhin eine der weltweit massivsten Infrastrukturoffensiven und hinterlässt bleibende Spuren – sowohl in der Landschaft als auch bei den dort lebenden Tibetern.
Internationaler Druck auf China notwendig
Die Alternative zu Chinas rücksichtslosem Modell der „Beherrschung der Natur“ – nämlich die auf lokaler Ebene verankerte, verantwortungsvolle Bewirtschaftung ihres Landes durch die Menschen – hatte sich über Jahrhunderte hinweg in Tibet bewährt. Diese tibetische Lebensweise fördert Nachhaltigkeit und ökologische Widerstandsfähigkeit und ermöglicht zugleich, das sensible Ökosystem in Tibet zu schützen und seine Ressourcen behutsam zu nutzen.
Die verheerenden Überschwemmungen und Zerstörungen der Sturzflut sind eine tragische Mahnung, dass die Umweltrisiken in der Himalaja-Region stetig zunehmen. Sie verdeutlichen zudem, wie wichtig es ist, dass die chinesische Führung ihr rücksichtsloses Entwicklungsmodell für das tibetische Hochplateau und die gesamte Region grundlegend überdenkt.
Die internationale Gemeinschaft – und insbesondere die Anrainerstaaten – sollten die chinesische Regierung dazu drängen, ihren Kurs zu ändern, für mehr Transparenz zu sorgen und mit den Tibetern und dem gesamten Himalaja-Raum zusammenzuarbeiten; denn diese verfügen über das nötige Fachwissen, um mit den Naturgewalten des Himalaja bestmöglich umzugehen und in Harmonie mit der Umwelt zu leben. Wie die Ereignisse vom 26. August zeigen, ist dieser Appell dringender denn je.
* Bild oben: Die Aufnahmen einer Überwachungskamera am Grenzübergang zwischen Tibet und Nepal vermitteln einen Eindruck von der katastrophalen Wucht der Sturzflut. Veröffentlicht unter Wikimedia Commons/Public Domain.


