Große Betroffenheit
nach Sturzflut in
Tibet und Nepal
Foto: x.com/resoundnews/
Wikimedia Commons*
Die International Campaign for Tibet (ICT) ist tief betroffen angesichts der verheerenden Sturzflut, die am 26. August den südtibetischen Landkreis Kyirong (chinesisch: Gyirong) sowie die nepalesischen Distrikte Rasuwa und Nuwakot erfasst hat.
ICT-Geschäftsführer Kai Müller sagte dazu: „Unser Mitgefühl und unsere Gedanken sind bei den Betroffenen auf beiden Seiten der Grenze: Den Familien, die Angehörige verloren haben, den vielen Vermissten und Verletzten sowie allen Menschen, die mit dieser Katastrophe konfrontiert sind.“
Mehr als 1.000 bestätigte Tote und zahlreiche Vermisste
Derzeit steigt die Zahl der von den nepalesischen Behörden bestätigten Todesopfer weiter an und ist mittlerweile im vierstelligen Bereich angekommen. Immer noch gelten zahlreiche Menschen als vermisst. ICT hofft darauf, dass möglichst viele von ihnen das Unglück überlebt haben. Besondere Anerkennung verdienen die mutigen Einsatzkräfte und lokalen Helfer, die unter extrem schwierigen Umständen im Einsatz waren und sind.
Was das Verhalten der staatlichen Behörden betrifft, könnte der Kontrast zwischen Nepal und Tibet kaum größer sein. Während Nepal zeitnah Informationen bereitgestellt und Möglichkeiten für internationale humanitäre Hilfe eröffnet hat, sieht die Lage auf der anderen Seite der Grenze gänzlich anders aus. So haben die chinesischen Behörden zahlreiche Posts und Videos in den Sozialen Medien gelöscht und sind gegen die Verfasser solcher Beiträge vorgegangen. Offenkundig setzt Peking auf Kontrolle, Zensur und Repression.
Höhere Opferzahlen als von China zugegeben
Laut chinesischen Staatsmedien wurden zwölf Personen wegen der „Verbreitung von Gerüchten” belangt, weil sie in den Sozialen Medien über die Zahl der Todesopfer und das Ausmaß der Verwüstungen in Tibet geschrieben haben. Welche Sanktionen gegen diese Personen verhängt wurden und ob es noch weitere Fälle gab, wird in dem Bericht nicht genannt.
Dabei hat ICT von tibetischen Quellen erfahren, dass die Zahl der Todesopfer in Tibet vermutlich weit höher sein dürfte, als von den chinesischen Behörden angegeben. ICT-Präsidentin Tencho Gyatso sagte dem britischen „Guardian“: „Was in Nepal sichtbar ist, offenbart, was in Tibet verheimlicht wird. Vier Dörfer – Sale, Serchung, Labi und Rizi – gehörten zu den am stärksten betroffenen. Berichten zufolge wurden dort etwa 300 Häuser zerstört, viele Menschen werden noch immer vermisst.“
Parallelen zu Erdbeben in Südtibet vom Januar 2025
Gleichzeitig geben Berichte Anlass zur Sorge, denen zufolge private Hilfsmaßnahmen von Tibetern von China unterbunden werden, mutmaßlich um Solidaritätsbekundungen unter Tibetern abseits staatlicher Kontrolle zuvorzukommen. Dieses Vorgehen ist nicht neu und war bereits bei dem schweren Erdbeben in Südtibet im Januar 2025 zu beobachten.
Tibeter, die seinerzeit Bilder oder Videos der Erdbebenfolgen veröffentlichten, wurden inhaftiert, ihre Mobiltelefone beschlagnahmt und Online-Inhalte gelöscht. Damals verhinderten chinesische Sicherheitskräfte auch den Zugang von tibetischen Helfern und verwehrten selbst Mönchen und Nonnen den Zugang, die für die Opfer beten wollten.
Peking will keine Debatte über Staudammprojekte aufkommen lassen
Aus der Reaktion der chinesischen Behörden spricht offensichtlich auch die Sorge, die Kontrolle über den Informationsfluss aus Tibet zu verlieren. Und darüber hinaus, dass sich Tibeter untereinander solidarisieren könnten. Besonders heikel dürfte die Katastrophe für Peking auch vor dem Hintergrund sein, dass Tibet Schauplatz massiver und hochriskanter Staudammprojekte der Regierung ist. Die chinesischen Machthaber wollen eine Debatte darüber unbedingt verhindern.
So plant China derzeit den Bau eines Mega-Staudamms am Yarlung Tsangpo-Fluss im Südosten von Tibet. Mit einer geplanten Kapazität von rund 70 Gigawatt soll dieser Staudamm mehr als die Gesamtkapazität Polens erzeugen. Die Dimensionen dieses Projekts sind ökologisch höchst bedenklich, zudem ist Tibet durch seine Höhenlage besonders anfällig für klimatische Veränderungen. Der Bau von Mega-Staudämmen in erdbebengefährdeten Gebieten erhöht die Gefahr von Naturkatastrophen und langfristigen Umweltschäden.
ICT fordert daher einen sofortigen Baustopp aller Großprojekte und eine politische Lösung, die sich am Recht der Tibeter auf Selbstbestimmung orientiert. Die Tibeter sollen über ihre natürlichen Ressourcen selbst bestimmen können.
* Bild oben: Die Aufnahmen einer Überwachungskamera am Grenzübergang zwischen Tibet und Nepal vermitteln einen Eindruck von der katastrophalen Wucht der Sturzflut. Wikimedia Commons/Public Domain


