China lässt weitere
Unterkünfte in
Larung Gar abreißen

 

Foto: Valerian Guillot-CC-BY-2.0

Die chinesischen Machthaber haben damit begonnen, in der buddhistischen Akademie Larung Gar in Osttibet offenbar mindestens 1.060 weitere Unterkünfte von Mönchen und Nonnen abzureißen. Damit treibt die Kommunistische Partei Chinas die Zerstörung kultureller und religiöser Stätten in Tibet weiter voran.

Aus Sicht der International Campaign for Tibet (ICT) verschärft die neuerliche Abrisswelle die Einschränkung des religiösen Lebens in Tibet massiv. Diese hatte sich mit dem Inkrafttreten von Chinas neuem Assimilationsgesetz am 1. Juli ohnehin erst unlängst weiter verstärkt.

Forderungen an Bundesregierung und Parlament

„Mit der fortschreitenden Zerstörung tibetisch-buddhistischer Klöster und Bildungsstätten übernimmt die KP Chinas immer mehr die Kontrolle über den Alltag und das religiöse Leben andersdenkender Menschen, denen sie rücksichtslos ihre Ideologie aufzwingt. Den Tibetern, aber auch der Weltgemeinschaft gehen damit unwiederbringlich wertvolle Kulturgüter und Stätten geistigen Lebens verloren.

Die deutsche Bundesregierung sollte bei der chinesischen Regierung deswegen vorstellig werden. Jede Delegation von Regierung und Bundestag, die nach China reist, muss überdies ein Ende der Auslöschung tibetischer Kultur fordern“, so ICT-Geschäftsführer Kai Müller.

Abriss erfolgt im Schutz der Dunkelheit

Wie eine mit der Angelegenheit vertraute Quelle ICT mitteilte, begannen die erneuten Abrissarbeiten in der Serthar Larung Five Sciences Buddhist Academy in Serthar (chinesisch: Seda), in der tibetischen autonomen Präfektur Kardze (Provinz Sichuan), um den 13. Juli herum. Wie die Quelle weiter berichtete, werden die Zerstörungsmaßnahmen der chinesischen Behörden offenbar nachts durchgeführt, um jede Form öffentlicher Dokumentation, Berichterstattung und Satellitenüberwachung zu umgehen.

So seien bis zum 15. Juli bereits sechs Wohnhäuser der Akademie abgerissen worden, wobei offiziell der Abriss mindestens weiterer 1.060 Wohnhäuser durch die Behörden geplant sei. Angesichts der strengen Abschottung und Überwachung Tibets konnte die Quelle keine weiteren Details nennen. Auch zu der von den Behörden abgegebenen Begründungen für die Abrissarbeiten wurde nichts bekannt.

Aufgrund der massiven chinesischen Informationssperre gibt es derzeit keine bekannten Aufnahmen der aktuellen Zerstörungen in Larung Gar. Das vorliegende Bild zeigt Abrissarbeiten aus dem Herbst 2016. Es wurde von einem unbekannten Hörer an „Radio Free Asia“ (RFA) übermittelt. (Foto: RFA)

„Überall gibt es Beschränkungen“

Anfang dieses Jahres bestätigte ein Reisender, der vor Ort in Serthar war und die Akademie Larung Gar besuchte, die angespannte Lage in einem chinesischen Vlog mit den Worten: „Lassen Sie mich kurz die größten Veränderungen in Serthar im Jahr 2026 zusammenfassen. Das eine Wort, das mir besonders auffällt, sind Einschränkungen.

Überall gibt es Beschränkungen: Beschränkungen, wohin man gehen kann, Beschränkungen, wie lange man bleiben darf, und sogar Beschränkungen für die Betriebszeiten der Shuttlebusse. Insgesamt machen diese Maßnahmen das Erlebnis nicht besonders besucherfreundlich.“

Gegründet nach Mao Zedongs verheerender Kulturrevolution

Seit 2001 war Larung Gar regelmäßig Ziel von Zerstörungen durch die chinesischen Behörden. Mönche, Nonnen und buddhistische Laien gleichermaßen wurden immer wieder zum Auszug gezwungen und große Wohnbereiche des buddhistischen Zentrums abgerissen. Das Zentrum gegründet hatte der inzwischen verstorbene tibetisch-buddhistische Gelehrte Khenpo Jigme Phuntsok.

Mit der Gründung Larung Gars im Jahr 1980 sollte die buddhistische Gelehrsamkeit und Meditation nach Mao Zedongs verheerender Kulturrevolution wiederbelebt werden. Es entwickelte sich im Lauf der Jahrzehnte zu einem der einflussreichsten Zentren für das Studium der tibetischen Sprache, Kultur und Religion und gewann an Größe und Ansehen. Neben Tibetern zog Larung Gar auch Tausende chinesische Buddhisten an.

Mehrere Abrisswellen

Im Jahr 2001 verkleinerten die chinesischen Behörden Larung Gar gewaltsam um die Hälfte, indem sie die Wohnhäuser der damals geschätzten 8.000 Mönche und Nonnen abrissen. Betroffen davon waren auch chinesische Praktizierende. Trotz anhaltender Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Akademiegründer Khenpo Jigme Phuntsok konnte sich die Akademie zwischenzeitlich etwas von den Abrissen erholen.

2016 und 2017 jedoch wurden erneut fast 5.000 Wohnungen zerstört. Dies bedeutet eine Halbierung der damals 10.000 Bewohner der Klosteranlage. Grundlage dafür war eine Anordnung der chinesischen Zentralregierung, wie Human Rights Watch mit einer übersetzten Kopie des offiziellen Dokuments bestätigen konnte.

„Konzertierte Angriffe auf das materielle und immaterielle Kulturerbe“

Im Februar 2017 berichteten sechs UN-Experten, dass sie eine gemeinsame Stellungnahme an die chinesische Regierung eingereicht hätten, in der sie erklärten, dass die Entwicklungen in Larung Gar gegen internationale Menschenrechte verstoßen und „offenbar konzertierte Angriffe auf das materielle und immaterielle Kulturerbe sind, die schwerwiegende Verletzungen der kulturellen Rechte gegenwärtiger und zukünftiger Generationen darstellen.“

Seit Mitte 2019 ergreifen die chinesischen Behörden immer wieder Maßnahmen, um den Einfluss religiöser tibetischer Würdenträger zu verhindern und die Teilnehmerzahl chinesischer Studenten an der Akademie zu reduzieren. Diese Kampagne wurde im November 2021 weiter verstärkt, indem chinesische buddhistische Praktizierende zwangsweise von anderen getrennt wurden.

Nach anfänglich etwa 30 bis 40 Han-Chinesen mit halb-permanenten Wohnsitzen in Larung Gar im Jahr 1991 wuchs die Zahl auf zwischenzeitlich rund 2.000 Chinesen unter den rund 5.000 Praktizierenden der Akademie. Auch in vielen Städten Chinas waren chinesische Buddhisten über die Grenzen von Larung Gar hinaus an den Lehren von Akademieleiter Khenpo Jigme Phuntsok interessiert.

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