ICT-Interview mit dem chinesischen Dissidenten und Künstler Badiucao

Foto: ICT

Vor Kurzem war der bekannte chinesische Künstler und Dissident Badiucao zu Gast im Berliner Büro von ICT. Badiucaos Werk umfasst politische Cartoons, Installationen, Straßenkunst und Performance-Kunst. Immer wieder prangert er mithilfe seiner Kunst Menschenrechtsverletzungen und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in China an. Mittlerweile lebt er im Exil in Australien.

Wir sprachen mit Badiucao über die jüngsten Proteste in China und ihre möglichen Auswirkungen in der Zukunft sowie über die Situation in Tibet.

Badiucao über die jüngsten Proteste in China und ihre Bedeutung:

Seit der Tiananmen-Bewegung und den Ereignissen von 1989 hat es keine landesweiten Proteste dieser Art mehr gegeben. Durch das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens wurde der Mut einer ganzen Generation zerstört. Es war nicht nur ein physisches, sondern auch ein geistiges Massaker, das den Menschen den Mut nahm, wieder auf die Straße zu gehen und ihre freie Meinung zu äußern.

Aber was wir jetzt in China in Form dieser „A4-Revolution“ sehen, ist sehr außergewöhnlich. Einerseits wird sie von der jungen Generation angeführt, der neuen Generation, der Generation Z. Und das ist besonders wichtig, weil es irgendwie zeigt, dass ihre Propaganda und Zensur nicht wirklich so funktionieren, wie die chinesische Regierung es der Welt vermitteln will. Diese Bewegung zeigt, dass die junge Generation weiß, was in China vor sich geht. Gehirnwäsche und Propaganda durch das Regime haben nicht gewirkt. Die jungen Leute haben tatsächlich ihre eigene Sicht auf die Dinge.

Auch wenn diese eindrucksvollen Proteste für den Moment beendet sind, haben die einzelnen Demonstranten jetzt begriffen, dass sie nicht alleine sind und dass andere dazu bereit sind, gemeinsam mit ihnen wieder auf die Straße zu gehen. Vorher war es lange undenkbar, auf die Straße zu gehen und zu protestieren, doch jetzt haben Viele verstanden, dass es wieder möglich ist. Und das ist langfristig besonders wichtig, weil es auch in Zukunft solche Proteste ermöglichen wird.

Wichtig ist auch die Erkenntnis, dass sich die Sprechchöre in Shanghai oder Peking nicht nur gegen die Null-Covid-Politik richteten. Die Protestierenden haben gefordert, dass Xi Jinping und die KP Chinas zurücktreten. Das ist wirklich außergewöhnlich. Durch die Geschehnisse beim Wohnungsbrand in Urumqi kämpfen Han-Chinesen und Uiguren außerdem zum ersten Mal für ein gemeinsames Ziel. Viele Han-Chinesen verstehen die Situation der Uiguren jetzt besser und begreifen, dass in Ostturkestan (Xinjiang) ein Völkermord stattfindet. Diese Bewegung ist also wirklich etwas ganz Besonderes.

Starkes Statement für Tibet: Diese Schuhe gestaltete Badiucao für NBA-Basketballspieler Enes Kanter Freedom.

Badiucao dazu, wie die Menschen im Ausland die Proteste in China unterstützen können:

Ich denke, es gibt viel, was die Menschen im Ausland tun können. Wir haben zum Beispiel eine junge Generation chinesischer Studenten im Ausland gesehen, die an westlichen Universitäten die Proteste in China unterstützt hat. Auch in Berlin haben sich viele junge Leute an den Solidaritätsbekundungen für die Protestbewegung in China beteiligt.

Aber viele Chinesen im Ausland leben in Angst, weil die chinesische Regierung auch außerhalb Chinas versucht, über chinesische Botschaften, Konfuzius-Institute und all diese absurden Polizeistationen in Europa und weltweit Einfluss auf sie zu nehmen, sie zu bedrohen, zu überwachen oder einzuschüchtern. Deshalb sollten ausländische Regierungen Chinesen schützen, die im Ausland leben oder studieren, vor allem wenn sie eine andere Meinung als das Regime in Peking vertreten.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es in der Kunstszene, bei öffentlichen Museen und Galerien vor allem in Europa ein hohes Maß an Selbstzensur gibt. Regimekritische Künstler, wie ich, haben selten die Chance, auszustellen, ohne dass sie von der chinesischen Regierung unter Druck gesetzt werden. Bei zwei meiner Ausstellungen im vergangenen Jahr in Italien und in der Tschechischen Republik wurde ich von der chinesischen Botschaft vor Ort bedroht. Das Santa-Giulia-Museum in Italien wurde per E-Mail aufgefordert, meine Show zu stoppen und die chinesische Botschaft drohte damit, alle Kulturaustauschprogramme zwischen China und Italien zu beenden, wenn meine Ausstellung weiterläuft.

Vor meiner Präsentation im Dogs Contemporary Art Center in Prag rief ein chinesischer Kulturattaché den Kurator auf seiner Privatnummer an und gab ihm unmissverständlich zu verstehen, dass sie nicht möchten, dass diese stattfindet, weil meine Kunst angeblich antichinesisch sei und chinesische Gefühle verletze. Das zeigt, wie sehr Museen und Galerien im Ausland durch chinesischen Einfluss unter Druck geraten können. Leider stellen sich diese Institutionen nur selten dagegen, um die Meinungsfreiheit von Künstlern zu schützen, und das muss sich dringend ändern.

Angesichts der Unterdrückung in Tibet, des Völkermordes in Ostturkestan (Xinjiang), des harten Vorgehens gegen die Demokratiebewegung in Hongkong und des staatlichen Terrors überall in China sollten die demokratischen Gesellschaften im Westen und in Europa ihre Politik gegenüber China ändern, bei der es in erster Linie nur um kurzfristige wirtschaftliche Profite geht. Ich finde es sehr bedauerlich und beschämend, dass Bundeskanzler Scholz und EU-Ratspräsident Charles Michel Xi Jinping ihre Aufwartung gemacht haben, ohne groß auf die Proteste in China einzugehen, oder Menschenrechtsverletzungen in China anzusprechen, und das unmittelbar nachdem Xi sich auf dem Parteikongress bis auf weiteres die Macht an der Spitze des chinesischen Staates gesichert hat. Diese Herangehensweise und diese Politik müssen sich ändern und zwar jetzt, ohne weitere Verzögerung.

Badiucao über die Situation in Tibet und die Perspektive der Tibeter für die Zukunft:

Tibets großartige Kultur ist ein kostbarer Schatz für die Menschheit und die gesamte Zivilisation. Sie ist ein Geschenk für die Welt. Aber wir werden Zeugen, wie das Regime in Peking brutal versucht, Identität, Kultur, Religion und Sprache der Tibeter auszulöschen. Mehr als 150 Tibeter haben sich aus Protest selbst angezündet und auch wenn dies eine besonders ausdrucksstarke Form des Protestes ist, macht es deutlich, wie verzweifelt die tibetische Gemeinschaft angesichts der Unterdrückung durch China ist.

Ich denke, dass die Welt dem verzweifelten Hilferuf der Tibeter bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Früher gab es viel mehr Unterstützung aus der westlichen Welt für Tibet, und damit meine ich auch die Unterstützung durch Vertreter der Kunst und Popkultur. Früher haben Musiker häufiger auf Konzerten mutig die tibetische Flagge geschwenkt und in ihren Songs Freiheit für Tibet gefordert. Doch mittlerweile übt China mit seiner Finanzkraft und seiner globalen Macht einen verheerenden Einfluss auf die Unterhaltungsindustrie in Hollywood und die Popmusik aus. Das hält viele Künstler davon ab, sich für die Freiheit des tibetischen Volkes einzusetzen, und das ist eine große Enttäuschung. Ich hoffe sehr, dass sich das ändert, denn für uns Künstler sollte es nicht nur ums Geld gehen, sondern viel mehr um Werte, die wirklich wichtig sind für alle Menschen.

Ermutigend finde ich, dass es trotzdem eine junge Generation tibetischer Künstler und Musiker gibt, die eine Art Underground-Kultur geschaffen haben. Sie leisten immer noch Widerstand und es entstehen neue Arten tibetischer Musik in tibetischer Sprache, die sich sogar über das von China besetzte Tibet hinaus ausbreiten. Ich hoffe, dass die Tibeter mit mehr internationaler Unterstützung irgendwann die Chance erhalten, wieder ihre eigene Identität und ihre eigene Kultur in ihrem eigenen Land zu leben. Dazu könnte auch eine Schwächung Pekings von innen heraus beitragen.

Zur Website von Badiucao: Badiucao 巴丢草

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