Berlin, 21.07.2026. Mit dem begonnenen Abriss voraussichtlich mindestens 1060 weiterer Wohnhäuser von Mönchen und Nonnen der buddhistischen Akademie Larung Gar in Osttibet treibt die Kommunistische Partei Chinas aktuell die Zerstörung kultureller und religiöser Stätten voran. Aus Sicht der International Campaign for Tibet (ICT) verschärft diese jüngste Welle von Abrissen in einem der größten tibetischen buddhistischen Zentren der Welt die Einschränkung des religiösen Lebens in Tibet weiter massiv.

„Mit der fortschreitenden Zerstörung tibetisch-buddhistischer Klöster und Bildungsstätten übernimmt die KP Chinas immer mehr die Kontrolle über den Alltag und das religiöse Leben andersdenkender Menschen, denen sie rücksichtslos ihre Ideologie aufzwingt. Den Tibetern, aber auch der Weltgemeinschaft gehen damit unwiederbringlich wertvolle Kulturgüter und Stätten geistigen Lebens verloren. Die deutsche Bundesregierung sollte bei der chinesischen Regierung deswegen vorstellig werden. Jede Delegation von Regierung und Bundestag, die nach China reist, muss überdies ein Ende der Auslöschung tibetischer Kultur fordern“, so ICT-Geschäftsführer Kai Müller.

Wie eine mit der Angelegenheit vertraute Quelle ICT mitteilte, begannen die erneuten Abrissarbeiten in der Serthar Larung Five Sciences Buddhist Academy in Serthar (chinesisch: Seda), in der tibetischen autonomen Präfektur Kardze (Provinz Sichuan), um den 13. Juli herum. Wie die Quelle weiter berichtete, werden die Zerstörungsmaßnahmen der chinesischen Behörden offenbar nachts durchgeführt, um jede Form öffentlicher Dokumentation, Berichterstattung und Satellitenüberwachung zu umgehen. So seien bis zum 15. Juli bereits sechs Wohnhäuser der Akademie abgerissen worden, wobei offiziell der Abriss mindestens weiterer 1060 Wohnhäuser durch die Behörden geplant sei.

Die Fortsetzung der Zerstörungen in Larung Gar sind auch als lange etabliertes Element der chinesischen Zwangsassimilationspolitik in Tibet zu sehen, nachdem Chinas neues Gesetz zur “ethnischen Einheit und Fortschritt” am 1. Juli in Kraft getreten ist. Angesichts der strengen Abschottung und Überwachung Tibets konnte die Quelle keine weiteren Details nennen. Auch zu der von den Behörden abgegebenen Begründungen für die Abrissarbeiten wurde nichts bekannt.

Anfang dieses Jahres bestätigte ein Reisender, der vor Ort in Serthar war und die Akademie Larung Gar besuchte, die angespannte Lage in einem chinesischen Vlog mit den Worten: „Lassen Sie mich kurz die größten Veränderungen in Serthar im Jahr 2026 zusammenfassen. Das eine Wort, das mir besonders auffällt, sind Einschränkungen. Überall gibt es Beschränkungen: Beschränkungen, wohin man gehen kann, Beschränkungen, wie lange man bleiben darf, und sogar Beschränkungen für die Betriebszeiten der Shuttlebusse. Insgesamt machen diese Maßnahmen das Erlebnis nicht besonders besucherfreundlich.“

Seit 2001 war Larung Gar regelmäßig Ziel für Zerstörungen durch die chinesischen Behörden. Mönche, Nonnen und Laienpraktizierende wurden immer wieder zum Auszug gezwungen und große Wohnbereiche des buddhistischen Zentrums abgerissen, das vom inzwischen verstorbenen tibetisch-buddhistischen Gelehrten Khenpo Jigme Phuntsok gegründet wurde.

Gegründet 1980, um die buddhistische Gelehrsamkeit und Meditation nach Mao Zedongs verheerender Kulturrevolution wiederzubeleben, wuchs Larung Gar im Laufe der Jahrzehnte als eines der einflussreichsten Zentren für das Studium der tibetischen Sprache, Kultur und Religion an Größe und Ansehen und zog neben Tibetern auch Tausende chinesische Buddhisten an.

Im Jahr 2001 verkleinerten die chinesischen Behörden Larung Gar gewaltsam um die Hälfte, indem sie die Wohnhäuser der damals geschätzten 8.000 Mönche und Nonnen abrissen, unter denen auch chinesische Praktizierende waren. Danach konnte sich die Akademie zwischenzeitlich etwas von den Abrissen erholen, trotz anhaltender Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Akademiegründer Khenpo Jigme Phuntsok.

2016 und 2017 wurden jedoch erneut fast 5.000 Wohnungen abgerissen, wobei die damals 10.000 Bewohner der Klosteranlage gemäß einer Anordnung der Zentralregierung um die Hälfte reduziert wurden, wie Human Rights Watch durch eine übersetzte Kopie des offiziellen Dokuments bestätigen konnte. Etwa 5.000 Mönche und Nonnen wurden damals vertrieben.

Im Februar 2017 berichteten sechs UN-Experten, dass sie eine gemeinsame Stellungnahme an die chinesische Regierung eingereicht hätten, in der sie erklärten, dass die Entwicklungen in Larung Gar gegen internationale Menschenrechte verstoßen und „offenbar konzertierte Angriffe auf das materielle und immaterielle Kulturerbe sind, die schwerwiegende Verletzungen der kulturellen Rechte gegenwärtiger und zukünftiger Generationen darstellen.“

Seit Mitte 2019 ergreifen die chinesischen Behörden immer wieder Maßnahmen um den Einfluss religiöser tibetischer Würdenträger zu verhindern und die Teilnehmerzahl chinesischer Studenten an der Akademie zu reduzieren. Diese Kampagne wurde im November 2021 weiter verstärkt, indem chinesische buddhistische Praktizierende zwangsweise von anderen getrennt wurden.

Nach anfänglich etwa 30 bis 40 Han-Chinesen mit halb-permanenten Wohnsitzen in Larung Gar im Jahr 1991 wuchs die Zahl auf zwischenzeitlich rund 2.000 Chinesen unter den rund 5.000 Praktizierenden der Akademie. Auch in vielen Städten Chinas waren chinesische Buddhisten über die Grenzen von Larung Gar hinaus an den Lehren von Akademieleiter Khenpo Jigme Phuntsok interessiert.

Kontakt:
Telis Koukoullis
Presse- und Medienreferent
Tel.: +49 (0) 30 27 87 90 86
E-Mail: presse(at)savetibet.de
Bluesky: @savetibetde.bsky.social

International Campaign for Tibet Deutschland e.V.
Schönhauser Allee 163
10435 Berlin
www.savetibet.de

Die International Campaign for Tibet (ICT) setzt sich als weltweit größte Tibet-Organisation seit 30 Jahren für die Wahrung der Menschenrechte und das Selbstbestimmungsrecht des tibetischen Volkes ein. ICT unterhält Büros in Washington, D.C., Amsterdam, Brüssel und Berlin sowie ein Rechercheteam in Dharamsala, Indien.

 

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