Peking weitet
seine Kontrolle über
Tibet-Studien aus
Foto: Christopher J. Fynn-CC-BY-SA-4.0*
Übereinstimmenden Presseberichten aus Nepal zufolge, hat die Regierung des Landes unter chinesischem Druck eine Tibetologie-Konferenz abgesagt. Demnach habe der Chef der Staatsverwaltung („Chief Secretary“) die als Mitveranstalter vorgesehene Universität Kathmandu persönlich zu diesem Schritt angewiesen.
Der höchste Beamte der nepalesischen Regierung habe sich damit über seine eigenen Sicherheitsbehörden hinweggesetzt, so die „Kathmandu Post“. Noch kurz zuvor hatte Nepals Innenminister erklärt, das 17. Seminar der International Association for Tibetan Studies (IATS) könne nach einer Sicherheitsüberprüfung stattfinden. Die internationale Konferenz zu Tibet-Studien war seit vier Jahren geplant und sollte ursprünglich vom 23. bis 29. August in Kathmandu stattfinden.
Transnationale Unterdrückung des akademischen Diskurses
Nach Einschätzung der International Campaign for Tibet (ICT) bestätigt diese Entwicklung, dass Peking seine transnationale Unterdrückung auf den akademischen Diskurs ausweitet. Das KP-Regime will die Tibetologie zu einem ideologischen Instrument machen, das Chinas staatliche Vision einer einheitlichen chinesischen nationalen Identität stärkt. Wissenschaftler, die das offizielle Narrativ in Frage stellen könnten, sollen kein Gehör mehr finden.
Passend dazu trat erst vor wenigen Wochen Pekings neues Assimilationsgesetz – euphemistisch als Gesetz über „ethnische Einheit“ bezeichnet – in Kraft. Ein zentraler Bestandteil dieses Gesetzes ist ebenfalls die Ausweitung der transnationalen Unterdrückung.
Exiltibetische Forscher wollten durch Teilnahmeverzicht Konferenz retten
An der Konferenz in Nepal sollten mehr als 720 Wissenschaftler aus 39 Ländern teilnehmen. Geplant waren siebzig Podiumsdiskussionen und Vorträge zu den Themen tibetische Sprache, Geschichte, Kultur und buddhistische Philosophie. Presseberichten zufolge standen auf der Teilnehmerliste „etwa 150 Delegierte aus den Vereinigten Staaten und fast 100 aus Festlandchina, die bedeutende akademische und Forschungseinrichtungen beider Länder vertraten“.
Um die Konferenz nicht zu gefährden und den chinesischen Druck auf Nepal zu mildern, hatte die tibetische Exilregierung schon im Vorfeld beschlossen, ihre Forscher nicht nach Kathmandu zu schicken. Ursprünglich wollten Vertreter des „Tibet Policy Institute“ (TPI) in Dharamsala an der Konferenz teilnehmen.
Peking macht Druck auf Kathmandu
Schon seit Wochen verstärkte der chinesische KP-Staat seinen Druck auf die Regierung Nepals. So äußerte der chinesische Botschafter in Kathmandu gegenüber einem Vertreter des Außenministeriums Bedenken hinsichtlich vermeintlich kritischer Äußerungen gegenüber China. Presseberichten zufolge befürchtete er, dass „einige Personen sich gegen China und für Tibet aussprechen könnten“.
Pekings Botschafter habe die nepalesischen Beamten aufgefordert, dafür zu sorgen, dass „so etwas nicht geschieht“. Offenbar genügten diese Worte bereits, um dafür zu sorgen, dass die Vertreter des „Tibet Policy Institute“ auf ihre Teilnahme an der Konferenz verzichten mussten.
Tibetologie als Instrument Pekings
„Die Bedeutung dieses Vorfalls reicht weit über eine einzelne akademische Konferenz hinaus“, sagte Tencho Gyatso, Präsident der International Campaign for Tibet. Peking habe ein System geschaffen, „in dem sich Diplomatie, repressive innerstaatliche Gesetzgebung außerhalb der chinesischen Grenzen und staatlich gelenkte akademische Forschung gegenseitig verstärken“, so die ICT-Präsidentin.
Zusammen mit dem neuem Assimilationsgesetz nutze Peking auch die Tibetologie als Mittel zur „Schaffung eines starken Bewusstseins für die chinesische nationale Gemeinschaft“. Ziel sei es, „die erzwungene Assimilation der Tibeter voranzutreiben und gleichzeitig das internationale Verständnis von Tibet neu zu formen“.
Tencho Gyatso wandte sich an Regierungen und akademische Einrichtungen in aller Welt. Diese müssten erkennen, dass China „darauf abzielt, die tibetische Identität auszulöschen und seine grenzüberschreitende Unterdrückung auszuweiten, so die ICT-Präsidentin. Konsequenterweise müssten sie daher die Aufhebung dieses repressiven Gesetzes fordern.
Nepals Balanceakt in Bezug auf Tibet
Nepal beherbergt nicht nur eine beträchtliche tibetische Flüchtlingsgemeinschaft. Wichtiger noch ist, dass die Bewohner der an Tibet angrenzenden nördlichen Region des Landes eine gemeinsame kulturelle und religiöse Tradition mit dem tibetischen Volk teilen. Historisch gesehen spielt der tibetische Buddhismus eine zentrale Rolle im Leben dieser Nepalesen.
Gleichzeitig übt Peking enormen Druck auf Nepal aus, alle Aktivitäten einzudämmen, die es als „pro-tibetisch“ einstuft und charakterisiert. Darunter fallen auch tibetische kulturelle und religiöse Zeremonien; selbst nepalesische Bürger, die dem tibetischen Buddhismus angehören, geraten so unter Druck.
Pekings aktuelle Einmischung in die geplante Konferenz fügt sich in ein umfassenderes Muster des chinesischen Drucks auf Nepal. Zugleich steht das chinesische Vorgehen für den Versuch, alle internationalen Diskussionen über Tibet-bezogene Themen zu kontrollieren.
* Das Kloster Ka-Nying Shedrub Ling in Kathmandu ist Sitz des Rangjung Yeshe Institute (RYI), das die Konferenz mitveranstalten sollte. (Foto: Christopher J. Fynn-CC-BY-SA-4.0)
