Junge Tibeter
sollen chinesische
Besatzer ehren
Quelle: WeChat/Liuwu Mittelschule*
Das Anfang April stattfindende Qingming‑Fest ist in China dem Gedenken an die Toten gewidmet. Das einst dezidiert familiäre Ritual entstammt ursprünglich der konfuzianischen Tradition und war völlig unpolitisch. Doch der chinesische KP-Staat hat sich das Qingming‑Fest über die Jahre immer stärker zu eigen gemacht und instrumentalisiert das Totengedenken heute als zentrale Bühne für die Erinnerung an kommunistische „Märtyrer“. In Tibet ist dies besonders brisant, sind doch die sogenannten Märtyrer in Wahrheit chinesische Besatzungssoldaten und KP-Kader, die verantwortlich sind für die gewaltsame Unterdrückung der Tibeter.
Als am 3. April Schüler und Lehrer der Liuwu-Mittelschule zum Qingming-Fest den „Märtyrerfriedhof“ von Lhasa besuchten, ehrten sie zwangsläufig Menschen, die die gewaltsame Besetzung Tibets betrieben haben. Die Kinder waren gezwungen, Blumen an den Gräbern derjenigen niederzulegen, die die Proteste ihrer Vorfahren und ihren Kampf für Freiheit mit Waffengewalt niedergeschlagen haben.
Die Lüge von der „friedlichen Befreiung“ Tibets
In einer Meldung auf dem WeChat-Kanal der Liuwu-Mittelschule ist davon selbstverständlich nicht die Rede. Stattdessen heißt es dort, die Gedenkfeier habe dazu gedient, „der revolutionären Märtyrer zu gedenken und ihr geistiges Erbe fortzuführen“. Im sogenannten Märtyrer-Gedenkmuseum habe ein Museumsführer der Gruppe schließlich einen Eindruck vermittelt „von den enormen Opfern und herausragenden Beiträgen, die die revolutionären Vorfahren für die friedliche Befreiung, den Aufbau und die Entwicklung Tibets geleistet“ hätten.
Die Lüge von der sogenannten „friedlichen Befreiung“ Tibets ist ein zentrales Propagandanarrativ der chinesischen KP-Diktatur. In Wahrheit handelte es sich dabei um die gewaltsame militärische Eroberung und Besetzung eines fremden Staates. Von Befreiung kann ebenfalls keine Rede sein, vielmehr etablierten die chinesischen Kommunisten und ihre Streitkräfte von Anfang an eine Politik der brutalen Unterdrückung.
Spätestens nach der rücksichtslosen Niederschlagung des tibetischen Volksaufstandes vom März 1959 entfalteten die chinesischen Machthaber in Tibet eine unumschränkte Gewaltherrschaft. Dieser fielen nicht nur unzählige Menschen zum Opfer, sie ging auch einher mit der systematischen Zerstörung von Klöstern, Tempeln und Kulturdenkmälern.
Der „Märtyrer‑Friedhof“ von Lhasa
Wäre China keine Diktatur und herrschte dort Meinungsfreiheit, so hätten die Schüler der Liuwu-Mittelschule Gelegenheit, die Wahrheit über den „Märtyrer‑Friedhof“ von Lhasa zu erfahren. Etwa aus der Feder von Tibets bekanntester Schriftstellerin und Bloggerin Woeser, die bereits vor Jahren einen lesenswerten Artikel über diesen Ort verfasst hat.
Konkret liegen auf dem „Märtyrer‑Friedhof“ von Lhasa chinesische Soldaten, die bei der Niederschlagung des tibetischen Volksaufstands in Lhasa und der Region Shannan ums Leben kamen. Kader und Funktionäre der KP Chinas, die entweder hohe Positionen bekleidet haben oder beim Aufbau der chinesischen Verwaltung in Tibet starben.
Hinzu kommen Personen, die beim Bau der Sichuan‑Tibet‑Straße und anderen Infrastrukturprojekten starben, mit deren Hilfe Peking seine Herrschaft im besetzten Tibet festigen konnte. Außerdem finden sich auf dem Friedhof 74 Gräber von Menschen, die während Kulturrevolution starben, als Fraktionen der „Roten Garden“ in Lhasa sich gegenseitig bekämpften. Auch sie werden offiziell als „revolutionäre Märtyrer“ geführt.

Mit Hammer und Sichel nimmt die Parteizelle der Lehrer der Liuwu-Mittelschule Aufstellung vor dem „Märtyrer Friedhof“ von Lhasa. (Quelle: WeChat/Liuwu Mittelschule*)
Wer dort nicht geehrt wird
Nicht geehrt oder erwähnt werden hingegen die tibetischen Aufständischen von 1959, die unzähligen Opfer chinesischer Repression, die Mönche, Nonnen und anderen Angehörigen des tibetischen Widerstands sowie die Opfer von Haft, Folter oder von der KP-Diktatur verursachten Hungersnöten.
Leider ist China aber eine Diktatur und bekämpft die Meinungsfreiheit mit allen Mitteln. Und so ist zu befürchten, dass viele der heutigen Schüler der Liuwu-Mittelschule auf absehbare Zeit nicht die Wahrheit über den „Märtyrer‑Friedhof“ von Lhasa erfahren werden. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, was es mit diesem Ort wirklich auf sich hat.
* Der WeChat-Kanal der Liuwu-Mittelschule fungiert als offizieller Propaganda-Kanal der staatlichen Einrichtung.

