Chinas Fischindustrie
als neue Facette
der Kolonialisierung

 

Quelle: Screenshot China News Service*

Seit Beginn ihrer gewaltsamen Besetzung Tibets haben die chinesischen Machthaber sich den Reichtum des Landes angeeignet – ein klares Muster kolonialer Ausbeutung. Gerade der Bergbau wird in Tibet häufig besonders rücksichtslos vorangetrieben; Chinas Hunger nach Rohstoffen wie Kupfer, Gold oder Lithium auf dem „Dach der Welt“ geht einher mit Raubbau und Umweltzerstörung. Doch auch andere Wirtschaftszweige dienen vorrangig den Interessen Pekings, was die Tibeter wollen, ist ohne Belang. Dies zeigt sich etwa an einer neuen Facette der Kolonialisierung Tibets, der chinesischen Fischindustrie.

Vor der chinesischen Invasion stand Fisch in Tibet nur selten auf der Speisekarte. Erst die Chinesen haben dies geändert, nicht zuletzt für die Versorgung des boomenden Tourismussektors. Mittlerweile hat China in Tibet sogar eine Fischproduktion im industriellen Maßstab aufgebaut.

Vorreiter ist hier das das chinesische Unternehmen Longyang Fresh, das im äußersten Nordosten Tibets jährlich 15.000 Tonnen Regenbogenforellen produziert, wie es in einer Dokumentation des Propagandasenders China News Service (CNS) heißt. Die Firma soll für 98 Prozent des gesamten chinesischen Forellenexportvolumens stehen, wobei ein guter Teil der Produktion auf dem Inlandsmarkt abgesetzt wird.

Im von China in den 1990er Jahren fertiggestellten Longyangxia-Stausee liegen die riesigen runden Netzgehege des chinesischen Fischproduzenten. Darin schwimmen Regenbogenforellen, auch sie sind ursprünglich nicht in Tibet heimisch, schon gar nicht in der von Longyang Fresh verwendeten Art. Denn in den insgesamt 200 Zuchtgehegen befinden sich sogenannte triploide Forellen. Die genetisch manipulierten, sterilen Fische werden deutlich größer und schwerer als ihre natürlichen Verwandten.

Dem Longyangxia-Stausee mussten fast 30.000 Menschen weichen. (Quelle: Screenshot China News Service*)

Irreführende Bezeichnung als Lachs

Das Wasser des auf 2.600 Metern Meereshöhe gelegenen Stausees weist eine Durchschnittstemperatur von 12 °C auf, was als „ideal für das Wachstum von Lachsfischen“ gilt. Regenbogenforellen gehören aus zoologischer Sicht zu den Lachsfischen; im Lebensmittelhandel werden sie gerne auch unter der im Grunde irreführenden Bezeichnung Lachsforellen vermarktet.

Bei der Lachsforellenzucht in Aquakultur werden dem Fischfutter Carotinoide zugefügt. Auf diese Weise erhalten die Regenbogenforellen ein an Lachs erinnerndes leicht rötliches Fleisch. In China dürfen sie seit 2018 sogar offiziell als „Salmon“ – zu Deutsch also als Lachs – angeboten werden. Offenbar mit Erfolg: 2018 soll es sich bei rund einem Drittel des als „Lachs“ verkauften Fisches in China in Wahrheit um Regenbogenforellen aus dem Longyangxia-Stausee gehandelt haben.

Die Fischfabrik von Longyangxia Fresh. (Quelle: Screenshot China News Service*)

Hohe Umweltbelastung durch Aquakultur

Allerdings ist schon lange bekannt, dass insbesondere offene Aquakultursysteme massive Auswirkungen auf ihre Umgebung haben können. Dies gilt umso mehr in einem sensiblen Ökosystem wie dem Hochland von Tibet. Bei dieser Art der Haltung, die auch Longyang Fresh verwendet, stehen die Anlagen in direkter Verbindung mit der natürlichen Umgebung. Die Umweltorganisation WWF verweist darauf, dass absinkendes Futter und Fäkalien den Boden unter den schwimmenden Netzgehegen verschmutzen können.

„Durch die Haltung vieler Tiere auf engem Raum können sich Krankheiten unter ihnen schnell verbreiten. Daher werden Antibiotika und Pestizide eingesetzt. Der Boden unter den Käfigen ist oft hoch belastet mit den Rückständen aus den Zuchten“, so der WWF.

Zuchtgehege von Longyang Fresh. (Quelle: Screenshot China News Service*)

Stausee dient vorrangig chinesischen Interessen

Das Gewässer, in dem die Premium-Speisefische gehalten werden, existiert erst seit wenigen Jahrzehnten. Die chinesischen Machthaber errichteten dort die Longyangxia-Talsperre und stauten den Gelben Fluss (tibetisch: Ma Chu) auf. Damit schufen sie einen riesigen Stausee von beinahe 400 Quadratkilometer Fläche; das integrierte Wasserkraftwerk hat eine installierte Leistung von 1.280 Megawatt.

Der Stausee dient vorrangig chinesischen Interessen, den Preis dafür muss die mehrheitlich tibetische, örtliche Bevölkerung entrichten. Mehr als 50.000 Hektar Ackerland fielen dem Wasser zum Opfer, beinahe 30.000 Menschen mussten ihr angestammtes Land aufgeben und wurden umgesiedelt.

Für China  spielt das Reservoir neben der Stromerzeugung auch eine bedeutende Rolle für die künstliche Bewässerung in insgesamt acht chinesischen Provinzen. Peking versucht, den Stausee und die umliegende Region darüber hinaus auch für den Tourismus zu entwickeln. Bootsfahrten auf dem See und Wandertouren in der Longyang-Schlucht, auch als „das Colorado Chinas“ angepriesen, sollen vor allem chinesische Touristen anziehen.

Peking baut regionale Leitindustrien auf

Damit verfolgen die chinesischen Machthaber gleich mehrere Ziele. So gilt China schon seit Jahren als einer der am schnellsten wachsenden Lachsmärkte weltweit. Die daraus resultierende Importabhängigkeit sollte durch den Aufbau einer eigenen Lachszuchtindustrie im Meer verringert werden, was jedoch offenbar gescheitert ist. Der Aufbau einer industriellen Produktion von „Binnen‑Lachs“ in Tibet soll dabei helfen, Chinas Importabhängigkeit zu verringern.

Zudem passt er perfekt in Pekings Strategie der „Entwicklung“ in Tibet und der Uigurenregion Ostturkestan (Xinjiang), wo ebenfalls Regenbogenforellen in Aquakultur produziert werden. Der Aufbau regionaler Leitindustrien benötigt auch gut ausgebildetes Fachpersonal, was die von der KP-Führung erwünschte langfristige Ansiedlung von Chinesen forciert. Auf diese Weise soll auch die Demographie Tibets nachhaltig verändert werden.

Für die Umsetzung seiner Pläne ist China in bestimmten Fällen auch auf die Zusammenarbeit mit westlichen Firmen angewiesen. Dies zeigt sich auch im Fall der Forellenproduktion, etwa bei einem Vertragsabschluss am 26. November 2025 im ostchinesischen Hangzhou mit dem Weltmarktführer für Fischfutterproduktion.

Der Artikel eines Fachmediums zeigt Miyang Ying, die Vorstandsvorsitzende von Longyang Fresh und Maarten Bijl, den Geschäftsführer des in Norwegen beheimateten Fischfutterproduzenten Skretting. Zwischen den beiden ein blau-weißes Blumengebinde mit den Flaggen Norwegens und des chinesischen KP-Staats. In dem Artikel heißt es, Ziel der beiden Firmen sei es, „eine präzise Ernährung zu gewährleisten, Synergien in der Lieferkette zu schaffen und nachhaltige Aquakulturpraktiken für die Forellenzucht auf dem Qinghai-Tibet-Plateau voranzutreiben“.

Gut 5 Kilogramm solle der Fisch wiegen, sagt der chinesische Vorarbeiter „Captain Feng“. (Quelle: Screenshot China News Service*)

Tibeter spielen nur Nebenrolle

In mehr als einer Hinsicht steht die industrielle Fischproduktion beispielhaft für Chinas kolonialen Umbau der Wirtschaft Tibets. Die Tibeter selbst spielen dabei bestenfalls eine Nebenrolle als einfache Arbeiter in Zucht und Verarbeitung; für lukrativere Tätigkeiten ist eine Fachausbildung erforderlich, über die sie in der Regel nicht verfügen. Ohnehin setze Longyang Fresh immer stärker auf Automatisierung, wie aus einer Dokumentation des chinesischen Propagandasenders CNS hervorgeht.

Insgesamt dürften derzeit circa 120 tibetische Dorfbewohner für das Fischzuchtunternehmen tätig sein. Doch offenbar hat Longyang Fresh immer noch Probleme, von der Lokalbevölkerung akzeptiert zu werden. Dies lässt sich aus einem Video ableiten, in dem ein chinesischer Vorarbeiter („Captain Feng“) davon spricht, „wie der Longyangxia-Lachs Wohlstand brachte“.

Mitarbeiter werden für Werbezwecke eingespannt

Anfangs habe man ihn als Verräter beschimpft, hätten die Dorfbewohner versucht, das Unternehmen zu vertreiben. Feng, der laut dem Video „einst als finanziell benachteiligter Mann galt“, werde heute als Vorreiter respektiert, der früher als andere die Vorteile der neuen Industrie erkannt habe. „Captain Feng“, der auch in der Dokumentation des China News Service (CNS) auftaucht, wird so als Zeuge dafür präsentiert, wie die Forellenzucht sich positiv auf die lokalen Einkommen und den Wohlstand der Gemeinde ausgewirkt habe.

 

Zu Werbezwecken präsentiert man die tibetische Mitarbeiterin Zhuoma in traditioneller Kleidung . (Quelle: Screenshot China News Service*)

Auch eine Tibeterin namens Zhuoma wird in der CNS-Dokumentation als Werbebotschafterin eingespannt. Zhuoma arbeite in der Qualitätssicherung und sei für die Einhaltung der Hygienevorschriften zuständig. Ganz offensichtlich soll die Tibeterin den Eindruck erwecken, Longyang Fresh bemühe sich um eine gewisse „tibetische Note“ für das Unternehmen. Nicht zufällig wird sie deshalb auch außerhalb ihres Arbeitsplatzes und in traditioneller tibetischer Kleidung eingeführt.

Chinas rücksichtslose Intensivierung der Landwirtschaft

Diese Inszenierung soll offenkundig dabei helfen, einen fundamentalen Gegensatz zwischen Tibetern und Chinesen zu verschleiern. So betrachten sich die Tibeter selbst als Teil der Natur, die insbesondere für die tibetischen Nomaden die Lebensgrundlage darstellt. Sie haben eine Kosmologie entwickelt, die auf dem Konzept des „Behälters und seines Inhalts“ basiert. Der Behälter ist die Welt, und die sie bewohnenden, fühlenden Wesen sind ihr Inhalt.

Letztlich besteht die Essenz dieser Vorstellung darin, dass der Behälter und sein Inhalt in einer voneinander abhängigen Beziehung existieren. Das tibetische Verhältnis zur Natur steht dem der chinesischen Kommunistischen Partei diametral entgegen.

Fischverarbeitung bei Longyangxia Fresh. (Quelle: Screenshot China News Service*)

Die Fischproduktion ist nicht die einzige Industrie, die Peking derzeit in Tibet aufbauen lässt. Sie ist nur ein weiterer Baustein in den Planungen der chinesischen Machthaber für die wirtschaftliche Ausbeutung Tibets. Einen hohen Stellenwert in den Vorstellungen der chinesischen Planer nehmen auch die Yaks ein. Das Rind, das in der tibetischen Landwirtschaft stets eine Schlüsselrolle gespielt hat, soll künftig immer seltener im Grasland zu finden sein. Seine Zukunft soll stattdessen eher in hallenartigen Großställen stattfinden.

Chinas  rücksichtslose Intensivierung der Landwirtschaft in Tibet firmiert unter der verschleiernden Bezeichnung „Maßnahmen zur Förderung der ländlichen Revitalisierung“. So sollen Yaks etwa schon nach spätestens 24 Monaten geschlachtet und verarbeitet werden – eine drastische Abkehr von der traditionellen Wirtschaftsweise der Tibeter, die es gewohnt sind, den Tieren mit Respekt zu begegnen.

System kolonialer Ausbeutung in Tibet

Doch Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion sind nur ein Teil von Pekings umfassenderer Planung für Tibet. Bei Licht betrachtet, handelt es sich dabei um ein System kolonialer Ausbeutung, bei der Rohstoffe wie Kupfer, Gold oder Lithium eine wichtige Rolle spielen. Gerade der Bergbau wird in Tibet häufig besonders rücksichtslos vorangetrieben; Chinas Rohstoffhunger geht auf dem „Dach der Welt“ in der Regel einher mit Raubbau und Umweltzerstörung.

Pekings unlängst verabschiedeter Fünfjahresplan bietet besonderen Anlass für Besorgnis, sieht er doch die Erschließung der Öl- und Gasvorkommen in Nagchu vor. Bereits im Jahr 2001 berichteten chinesische Staatsmedien, dass die Gas- und Ölreserven des Beckens bei etwa 4 bis 5,4 Milliarden Tonnen liegen würden. Dies entspricht in etwa 80 % der gesamten nachgewiesenen Ölreserven der Vereinigten Staaten in den Jahren 2023–2024. Der Plan sieht auch einen weiteren Ausbau des Eisenbahn- und Straßennetzes vor, um diese Rohstoff-Reserven zu erschließen.

Schon seit einiger Zeit verstärkt China die Ausbeutung Tibets auf dem Energiesektor, ohne dabei Rücksicht auf die Tibeter zu nehmen. Mittels leistungsstarker Leitungen erfolgt eine Stromübertragung von West nach Ost, um diesen an die Ostküste Chinas zu leiten und dort das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Obwohl die Tibeter einen hohen Preis dafür bezahlen müssen, sind Pekings Planungen nicht darauf ausgerichtet, die Stromversorgung in Tibet deutlich zu verbessern.

Wie die Karte zeigt, liegt ein besonderer Schwerpunkt des neuen Fünfjahresplans auf dem Ausbau der Verkehrs‑ und Energieinfrastruktur entlang der tibetischen Grenze zu Indien, Nepal und Bhutan. (Quelle: Karte von Tsering Wangyal Shawa)

Besonders deutlich wird dies am massiven Ausbau der Wasserkraftwerke. Für die dafür notwendigen Staudämme werden in den steilen Bergtälern Osttibets Klöster und Dörfer samt den dazu gehörenden Feldern geflutet. Jahrhunderte tibetischer Siedlungsgeschichte sollen geopfert werden, damit die chinesischen Machthaber ihre ehrgeizigen Pläne verwirklichen können. Zugleich gehen von Chinas Mega-Staudämmen in Tibet, wie etwa dem Medog-Projekt, enorme Risiken aus. Dieser Staudamm soll in einer gefährlichen Erdbebenzone gebaut werden, es drohen Erdrutsche und zusätzlich müssen die Bewohner mit zwangsweiser Umsiedlung rechnen.

Protest von Tibetern wird brutal unterdrückt

Wenn Tibeter den Mut aufbringen, dagegen zu protestieren, erfahren sie brutale Unterdrückung, wie vor zwei Jahren im osttibetischen Derge. Mittels Massenverhaftungen und Misshandlungen sollen die Tibeter dazu gebracht werden, sich in ihr Schicksal zu fügen. In ihrer eigenen Heimat billigt ihnen der chinesische KP-Staat bestenfalls eine Statistenrolle zu. Pekings Raubbau an den natürlichen Ressourcen Tibets steht in fundamentalem Widerspruch zur traditionellen Lebensweise und Kultur der Tibeter, die auf nachhaltige Bewahrung der Lebensgrundlagen angelegt ist.

Auch in der oben erwähnten Vereinbarung zwischen dem Weltmarktführer für Fischfutter in der industriellen Aquakultur und der chinesischen Firma kommen die Tibeter nicht vor. Skretting und Longyang Fresh agieren als profitorientierte Privatunternehmen und machen sich gleichzeitig zu Komplizen der chinesischen KP-Machthaber als Nutznießer von Pekings kolonialer Ausbeutung Tibets.

* Der China News Service (CNS) wird vom United Front Work Department (UFWD) des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas betrieben. Die beschriebene Propaganda-Dokumentation des CNS wurde auf der Videoplattform bilibili veröffentlicht.

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