Projekt bündelt zentrale
Narrative von Pekings
«Sinisierungsstrategie»

 

Quelle: qhnews.com

„Tibeter genießen Tourismusdividende im Dorf Deji in der Provinz Qinghai“, jubelte ein pekingtreues Nachrichtenportal aus Hongkong am 5. Juli. Und das auf ein internationales Publikum abzielende Propagandablatt „China Daily“ lobte das Dorf Deji wenig später als „anschauliches Beispiel dafür, wie die Integration von Kultur und Tourismus Gemeinden verändert“.

Vermutlich war es kein Zufall, dass rund um den 90. Geburtstag des Dalai Lama mehrere chinesische Propagandamedien ein kleines nordosttibetisches Dorf herausstellten. Offenbar wollte man so dem außerhalb des chinesischen Machtbereichs zu erwartenden kritischen Blick auf die Lage in Tibet eine positiv klingende Geschichte entgegenstellen. Wer indes genauer hinschaut, wird rasch auf gravierende Leerstellen stoßen.

Wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein tibetisches Dorf: Deji in einer Luftaufnahme. (Quelle: sasac.gov.cn)

Trotzdem lohnt sich die genauere Beschäftigung mit der angeblichen Erfolgsgeschichte des im äußersten Nordosten Tibets gelegenen Dorfes. Denn das Dorf Deji ist noch keine zehn Jahre alt. In seiner Gründung und der von den chinesischen Machthabern geplanten Entwicklung bündeln sich zentrale Narrative von Pekings „Sinisierungsstrategie“.

Zwangsansiedlung unter dem Deckmäntelchen angeblicher „Armutsbekämpfung“

Letztlich geht die Existenz des Dorfes auf die von Peking seit Jahrzehnten vorangetriebene Zwangsansiedlung tibetischer Nomaden und Hirten zurück. Selbstverständlich erfolgt diese laut der staatlichen Propaganda allein aus altruistischen Motiven. Offiziell firmiert die Kampagne unter dem Begriff der „Armutsbekämpfung“, die schon im Titel einer Meldung von „CRI online“ anklingt. „Migrantendorf verhilft Menschen zu bescheidenem Wohlstand“, schreibt die deutschsprachige Seite von „China Radio International“.

Chinesische Touristen in Deji. (Quelle: tkww.hk)

Der staatliche Auslandsrundfunk der Volksrepublik China untersteht direkt der Zentralen Propagandaabteilung der KP Chinas. In der Meldung heißt es weiter, im Jahr 2016 habe die Verwaltung des Landkreises Chentsa (chin.: Jianzha) vorgeschlagen, „das Problem der Verarmung durch Umsiedlung der Menschen vor Ort zu lösen“.

Kein Hinweis auf Tibeter

Außen vor bleibt in dieser Formulierung nicht nur, ob die betroffenen Menschen sich selbst als „arm“ empfanden. Unerwähnt bleibt auch, ob sie dem „Vorschlag“ der Behörden zugestimmt haben bzw. die Chance gehabt hätten, sich zu widersetzen. Und völlig aus dem Blick gerät in der Darstellung der Staatspropagandisten auch der Umstand, dass es sich bei den neuen Bewohnern des Dorfes Deji weit überwiegend um Tibeter handelt.

Auch einen Blumengarten gibt es in Deji. (Quelle: tkww.hk)

Denn der Landkreis Chentsa liegt in der sogenannten „Autonomen tibetischen Präfektur Huangnan“ der nordwestchinesischen Provinz Qinghai. Zwar kann von Autonomie in der Volksrepublik China in Wahrheit keine Rede sein. Doch wenigstens enthält zumindest die offizielle Bezeichnung den Hinweis, dass sich das Dorf Deji in Tibet befindet. Wenn auch nicht nach der Definition Pekings.

Denn Mitte der 1960er Jahre gründeten die chinesischen Machthaber die sogenannte Autonome Region Tibet (TAR), die allerdings nur etwa das halbe Land umfasste. Die andere Hälfte Tibets – und damit auch deren Bewohner – wurden hingegen zum großen Teil als sogenannte „Tibetisch Autonome“ Landkreise und Präfekturen den chinesischen Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan zugeschlagen.

Tourismus als Werkzeug zur Umgestaltung Tibets

Im Rahmen der angeblichen „Armutsbekämpfung“ betont die chinesische Propaganda insbesondere den Tourismus als Motor einer Entwicklung hin zu mehr Wohlstand. So haben die Planer dem Dorf Deji eine Infrastruktur verpasst, die den Ort für chinesische Touristen attraktiv erscheinen lassen soll. Es gibt nun tatsächlich einen Sandstrand am Ufer des Gelben Flusses, der die KP-Propagandisten offenkundig zu gedanklichen Höhenflügen motiviert hat.

Das Dorf Deji werde von Urlaubern auch als das „kleine Sanya“ von Qinghai bezeichnet, heißt es etwa vollmundig bei „CRI Online“. Den Autoren des Berichts genügen offenbar bereits ein Freizeitplatz, ein Pier, ein Strand, „eine Restaurant-Straße und andere touristische Einrichtungen“, um das Provinzdorf in Tibet mit dem mondänen Urlaubsparadies Sanya zu vergleichen. Dieses ist bekannt für seine tropischen Strände, luxuriösen Resorts und sein warmes Klima und wird gerne als das „Hawaii Chinas“ bezeichnet.

Strandleben in Nordost-Tibet. (Quelle: tkww.hk)

Von solchen Übertreibungen einmal abgesehen, verdeckt diese Darstellung einen wesentlich kritischeren Aspekt des Ganzen. Schon seit einiger Zeit versucht Peking den Tourismus in Tibet als Mittel zur erzwungenen Assimilation einzusetzen. Insbesondere Chinas sogenannter „Roter Tourismus“ soll dabei helfen, Tibets Geschichte auszulöschen. Aber schon der „normale“ Tourismus ist hoch problematisch, soll er doch dafür sorgen, dass immer mehr Chinesen nach Tibet gelangen; zum einen vorübergehend als Touristen, zum anderen dauerhaft als in der Tourismusindustrie Beschäftigte.

Zwiespältige Entwicklung: Globaler Geopark der UNESCO

Eine wichtige Rolle soll den chinesischen Planern zufolge hierbei auch der Ökotourismus spielen. So wurde mit dem Segen der UNESCO ein Teil der tibetischen Präfektur Huangnan zum Globalen Geopark Kanbula ernannt. Der 217 Quadratkilometer große Park solle laut UNESCO dem Erhalt des „reichen geologischen Erbes“ der Region dienen. Zu anderen solle Kanbula auch „eine wichtige Rolle beim Schutz der lokalen Gemeinschaften vor flussbedingten Risiken“ spielen. Für die Tibeter ist dies eine zwiespältige Entwicklung.

Denn Peking will das neue Etikett eines Globalen Geoparks nutzen, um damit eine weitere Region Tibets für Touristen zu erschließen, wie „China Daily“ schreibt: „Über Generationen hinweg haben die Dorfbewohner hier ihren Lebensunterhalt mit Subsistenzlandwirtschaft und Viehzucht bestritten. Jetzt, da der Ökotourismus an Fahrt gewinnt, finden die Einheimischen neue Einkommensmöglichkeiten als Fremdenführer, Gastwirte und Kunsthandwerker.“

Die kulturelle Identität der Tibeter soll zerstört werden

Was sich zunächst verlockend anhören mag, dürfte in der Realität für viele Tibeter nicht ganz so positive Konsequenzen haben. Dies gilt insbesondere dann, wenn man es mit ihrem bisherigen Leben vergleicht. Als Hirten und Nomaden konnten sie ihr Leben weitgehend selbstständig und im Einklang mit der Natur gestalten, zu der sie traditionell ein besonders enges Verhältnis bewahrt haben.

Im neugebauten Dorf Deji müssen sie in uniform gestalteten Häusern leben, die von ein paar bewusst gesetzten Designelementen abgesehen nicht viel Tibetisches an sich haben. Von anderen, ähnlichen Siedlungen weiß man, dass die Tibeter sich in den neuen Häusern nicht wohl fühlen. Zum einen liegt dies daran, dass sie keine Mitsprache hatten und oft auch keine echte Entschädigung für ihre Herden erhalten haben.

Ein paar bewusst gesetzte Designelemente sollen den chinesischen Touristen ein bisschen Tibet-Gefühl vermitteln. (Quelle: tkww.hk)

Zum anderen weisen die neuen Häuser oft Qualitätsmängel auf und können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Nomaden mit ihren Herden auch ihre Lebensgrundlage verloren haben. Viele haben große Schwierigkeiten, sich an den neuen, von den chinesischen Behörden verordneten Lebensstil anzupassen. Die Zwangsansiedlungen sind letztlich Teil einer Strategie Pekings, um die kulturelle Identität der Tibeter zu zerstören und sie besser kontrollieren zu können.

Darüber können auch noch so schöne Propaganda-Geschichten nicht hinwegtäuschen.

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