Tibetischer Mönch in
Geheimverfahren zu
sieben Jahren verurteilt
Quelle: TCHRD
Aus Sicht der International Campaign for Tibet (ICT) zeigt der Fall des tibetischen Mönchs Dhargye beispielhaft, wie China in Tibet die Religionsausübung systematisch kriminalisiert. Ebenso lässt sich daran die routinemäßige Verletzung grundlegender Rechte auf ein ordnungsgemäßes Verfahren ablesen.
Der 63-jährige Mönch wurde am 5. August 2021 gemeinsam mit einem Verwandten namens Tsering und der Nonne Choekyi in Lhasa festgenommen. Während die beiden nach einigen Monaten freikamen, blieb Dhargye spurlos „verschwunden“.
Trotz ständiger Nachfragen erhielt seine Familie von den chinesischen Behörden keinerlei Angaben zu seinem Aufenthaltsort oder Gesundheitszustand. Erst im Herbst 2025 – mehr als vier Jahre nach Dhargyes „Verschwinden“ – tauchten erste Hinweise auf sein Schicksal auf. Ende Januar 2026 schließlich wurde bekannt, dass er in einem Geheimverfahren zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde.
Traditionelle tibetisch-buddhistische Spenden an den Dalai Lama
Nach den vorliegenden Informationen geht ICT geht davon aus, dass die chinesischen Behörden Dhargye vorwerfen, traditionelle tibetisch-buddhistische Spenden (Kyab-ten སྐྱབས་རྟེན་ und Ngo-ten བསྔོ་རྟེན་) an den Dalai Lama geleistet zu haben. Zudem habe man ihn beschuldigt, tibetischen Mönchen bei der Flucht aus Tibet geholfen zu haben.
Das Gerichtsverfahren wurde unter völliger Geheimhaltung durchgeführt. Dhargyes Familie erhielt weder Auskunft über die gegen ihn erhobenen Anklagepunkte, noch den Termin seiner Verhandlung. Ebenso wenig teilte man ihr mit, welches Gericht das Urteil fällen würde, oder den Ort seiner Inhaftierung.
Gesundheitszustand weiterhin unbekannt
Dhargyes Angehörigen wurde jeglicher Besuch im Gefängnis verweigert. Auch ist der aktuelle Gesundheitszustand des 63-Jährigen weiterhin unbekannt, was Anlass zu großer Besorgnis bietet.
Im August 2022, fast ein Jahr nach der Verhaftung des Ehrwürdigen Dhargye, nahmen die chinesischen Behörden seinen Bruder Tsedu zusammen mit vier weiteren Tibetern in einem separaten Fall fest. Die fünf Männer wurden wegen der Ausübung traditioneller religiöser Aktivitäten verhaftet, darunter Rauchopfer an Berggötter und Gebetszeremonien. Während einer der fünf Tibeter an den Folgen schwerer Schläge starb, wurden die anderen vier zu zwei Jahren Haft verurteilt.
Verstoß gegen chinesisches Recht und internationale Rechtsnormen
Der Umgang mit Dhargye verstößt sowohl gegen chinesisches Recht als auch gegen internationale Menschenrechtsnormen. Nach Artikel 85 der chinesischen Strafprozessordnung müssen Familien innerhalb von 24 Stunden über Grund und Ort einer Festnahme informiert werden.
Auch internationale Schutzstandards – etwa die UN‑Grundsätze zum Schutz aller Personen unter irgendeiner Form von Haft und die Regeln gegen „Verschwindenlassen“ – verlangen unverzügliche Informationen über das Schicksal des Betroffenen.
Indem China Dhargye seit fünf Jahren in Isolationshaft hält, was jede zulässige Grenze bei weitem überschreitet, verstößt es gegen seine eigenen Rechtsvorschriften und das Völkerrecht.
Eklatante Verletzungen der Religionsfreiheit in Tibet
Überdies kriminalisiert China zunehmend elementare Praktiken des tibetischen Buddhismus. Geldopfer wie Kyab‑ten und Ngo‑ten sind zentrale Ausdrucksformen religiöser Hingabe – und haben in der tibetischen Tradition eine jahrhundertealte Bedeutung. Im Rahmen der chinesischen „Stabilitätssicherungspolitik“ werden solche Akte jedoch als politische Illoyalität ausgelegt und als „Separatismus“ eingestuft.
Die intransparente Verurteilung Dhargyes ist ein Beispiel für die eklatanten Verletzungen der Religionsfreiheit in Tibet durch die chinesischen Behörden. Mittels allgegenwärtiger Überwachung und dem strategischen Einsatz von Verschleppungen versuchen die KP-Machthaber die spirituellen Verbindungen der Tibeter zu ihren im Exil lebenden geistlichen Lehrern zu kappen. Pekings Beschränkung des Nachrichtenflusses sorgt zudem dafür, dass viele solcher Fälle von Unterdrückung der Tibeter niemals an die Öffentlichkeit gelangen.
Dhargye wurde 1962 im osttibetischen Serthar geboren. Er ist Mönch des 1736 gegründeten Klosters Serta Sera, das dafür bekannt ist, sowohl alte als auch neue buddhistische Traditionen zu bewahren. Vor seiner Verhaftung lebte er in Lhasa, wo er häufig von tibetischen Gläubigen um die Durchführung von Weihezeremonien für heilige Gegenstände, Schriften und Stupas gebeten wurde.
