Pekings «Sinisierung»
zielt auf komplette
Assimilation Tibets

 

Foto: Bildungsbehörde TAR/WeChat*

Mit Nachdruck treiben die chinesischen Machthaber in Tibet ihre „Sinisierungs“-Kampagne voran. Ihr besonderes Augenmerk liegt dabei auf der jungen Generation, wie ein aktueller Propagandabericht verdeutlicht. Darin geht es um einen „regionalen Jugendredewettbewerb zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls der chinesischen Nation“, der vom 8. bis 10. Mai in der südtibetischen Präfektur Lhoka (chin.: Shannan) stattgefunden hat. Veranstaltungen wie diese flankieren die chinesischen Zwangsinternate in Tibet mit ihren verheerenden Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche in Tibet.

Erschienen ist der Bericht auf dem WeChat-Kanal der „Abteilung für Ideologische und Politische Bildung“ der Bildungsbehörde der sogenannten Autonomen Region Tibet (TAR), die ungefähr die Hälfte der Fläche Tibets ausmacht. Die andere Hälfte des Landes – und damit auch deren Bewohner – hat Peking bereits vor Jahrzehnten als sogenannte „Tibetisch Autonome“ Landkreise und Präfekturen den chinesischen Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan zugeschlagen.

Die heile Welt der chinesischen Propaganda in Tibet: Gruppenbild vom Jugendredewettbewerb in Lhoka. (Foto: Bildungsbehörde TAR/WeChat*)

Propagandabild Granatapfel

Geht es nach dem KP-Regime, sollen die jungen Tibeter nur noch Chinesisch sprechen. Ihre tibetische Muttersprache sollen sie zugunsten der „nationalen Standardsprache“ – gemeint ist damit Mandarin-Chinesisch – aufgeben. Dies spiegelte sich auch im Motto des Wettbewerbs: „Granatapfelblüten blühen in die Zukunft – Jugend auf dem Weg zum 15. Fünfjahresplan“.

Das Bild des Granatapfels bezieht sich auf eine Aussage von Xi Jinping aus dem Jahr 2014. Damals forderte Chinas oberster Machthaber bei einer Konferenz zur sogenannten „ethnischen Arbeit“ in der Uigurenregion Ostturkestan (chin.: Xinjiang): „Alle ethnischen Gruppen sollen wie die Kerne eines Granatapfels eng aneinanderhaften.“ Seither zieht sich die Frucht als zentrales Propaganda-Motiv durch zahlreiche programmatische Aussagen zur sogenannten „Sinisierungs“-Politik Pekings.

„Bewusstsein für die Gemeinschaft der chinesischen Nation“

Detailliert beschreibt der Bericht der staatlichen Propagandisten mehrere Wettbewerbsbeiträge einzelner Teilnehmer. Unschwer lässt sich daraus ablesen, welchen Effekt man damit zu erzielen beabsichtigt.

Der Jugendredewettbewerb fand in einem Hotel in Lhoka statt. (Foto: Bildungsbehörde TAR/WeChat*)

Unfreiwillig komisch erscheint dabei etwa die Zwischenüberschrift „wahre Geschichten berühren am meisten“, der die Beschreibung des Beitrags einer KP-Jungfunktionärin folgt. Die von ihr vorgetragene Geschichte habe sich an der Grenze zugetragen und verdeutliche die „tiefe Verbundenheit zwischen Armee und Bevölkerung“. Ihre „schlichten Worte“ hätten die Jurymitglieder und das Publikum zutiefst gerührt, so die Staatspropagandisten.

Schon Fünfjährige müssen die KP preisen

In diesem Stil geht es weiter. Und auch die ganz Jungen müssen ihren Beitrag zur „Sinisierungs“-Propaganda leisten. So präsentiert der Bericht einen fünfjährigen Jungen „aus dem Kindergarten der Stadt Jixiong im Kreis Gongga der Stadt Shannan“. Mit seiner „kindlichen, aber entschlossenen Stimme“ habe der Junge ein Stück mit dem Titel „Großvater Xis Mahnung im Herzen“ vorgetragen. Gemeint ist damit KP-Generalsekretär Xi Jinping, der sich in der staatlichen Propaganda gerne als scheinbar gütige Großvaterfigur porträtieren lässt.

Man kann offenbar nicht klein genug sein, um die KP preisen zu müssen. (Foto: Bildungsbehörde TAR/WeChat*)

Der traditionell tibetisch gewandete kleine Tibeter jedenfalls habe davon gesprochen, „wie er den ‚goldenen Schlüssel‘ der staatlichen Standardsprache nutze, um mehr Menschen die Geschichten seiner Heimat zu erzählen“. Anschließend hätte der Fünfjährige mit erhobener Hand ausgerufen „Lasst uns wie Granatapfelkerne zusammenhalten“.

Damit habe er großen Applaus geerntet und die Jury bewegt: „Auch wenn die Kinder noch klein sind, hat der Same der nationalen Einheit bereits in ihren Herzen Wurzeln geschlagen“, habe deren Urteil gelautet. Ganz offensichtlich scheuen die chinesischen Machthaber nicht davor zurück, selbst kleine Kinder für ihre Propagandazwecke öffentlich vorzuführen.

Der Jugendredewettbewerb in Lhoka fand bereits zum vierten Mal statt. Ins Leben gerufen wurde er erstmalig im Jahr 2023 von der Kommunistischen Jugendliga der TAR, der Kommission für ethnische Angelegenheiten und dem Bildungsministerium. In diesem Jahr hätten sich mehr als 1.000 Jugendliche direkt an dem Wettbewerb beteiligt.

Junge Tibeter sollen „chinesisches Nationalbewusstsein“ entwickeln

Geht es nach den KP-Machthabern, sollen die jungen Tibeter nicht allein sprachlich zu Chinesen werden. Ganz offenkundig versuchten die Organisatoren, bei den Teilnehmern des Redewettbewerbs eine Art von „chinesischem Nationalbewusstsein“ zu wecken. So mussten diese auch das örtliche „Bildungszentrum für Luft- und Raumfahrtwissenschaften“ besuchen, wo man ihnen Chinas „Errungenschaften in der Luft- und Raumfahrt“ vorführte.

Einige Preisträger beim Jugendredewettbewerb in Lhoka. (Foto: Bildungsbehörde TAR/WeChat*)

Und im Museum von Lhoka mussten die jungen Tibeter eine Führung über sich ergehen lassen, die darauf abzielte, ihnen zu zeigen, „wie tief die Wurzeln der hervorragenden traditionellen chinesischen Kultur reichen“. Der Museumsbesuch habe die Teilnehmer „in ihrem Entschluss bestärkt, fleißig zu lernen, um zur großen Wiederbelebung der chinesischen Nation beizutragen“. Soweit zumindest die Wunschvorstellung der Kommunistischen Jugendliga Tibets, die als Quelle des Berichts genannt wird.

Das Endziel von Pekings „Sinisierungs“-Kampagne ist die komplette Assimilation Tibets. Allenfalls in Äußerlichkeiten wie dem Tragen traditioneller tibetischer Kleidung zu besonderen Gelegenheiten dürfen sich die Tibeter noch von Chinesen unterscheiden. In allen anderen Aspekten sollen sie denken und reden wie diese. Vor allem aber sollen sie die Kommunistische Partei lieben und ehren.

* Der besprochene Bericht und die verwendeten Fotos stammen vom WeChat-Kanal der „Abteilung für Ideologische und Politische Bildung“ der Bildungsbehörde der sogenannten Autonomen Region Tibet (TAR).

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