Pekings Vorgehen
unterstreicht Verbindung
zu Assimilationsgesetz
Foto: Bildungsbehörde TAR/WeChat*
Getroffene Hunde bellen, sagt das Sprichwort. Die Art und Weise, in der Chinas KP-Machthaber jüngst ihre Zwangsinternate in Tibet verteidigten, belegt anschaulich die Wirkung der massiven internationalen Kritik. Offenbar fühlte Peking sich dadurch zu einer Reaktion genötigt. Und so nutzte der stellvertretende Leiter der KP-Einheitsfront Duan Yijun am 24. Juni die größte vorstellbare Bühne, um sich hinter dieses zentrale Element der staatlichen „Sinisierungs“-Kampagne zu stellen.
Duan äußerte sich nämlich auf einer Pressekonferenz des Staatsrates in Peking, wo er nicht näher benannte Berichte ausländischer Medien angriff. In diesen sei im Zusammenhang mit Chinas Internatsschulen in Tibet von „Zwangsunterbringung“ und „erzwungener Assimilation“ die Rede. Dies aber stünde „in völligem Widerspruch zu den objektiven Tatsachen“, so der KP-Funktionär.
Chinas Assimilationsgesetz steht in engem Zusammenhang mit den Zwangsinternaten
Allerdings strafte bereits der Rahmen von Duans Äußerungen seine Worte Lügen. Hauptthema der Pressekonferenz war ausgerechnet die Vorstellung von Chinas neuem Assimilationsgesetz – im Pekinger Propaganda-Sprech auch als Gesetz über „ethnische Einheit“ bezeichnet.

Die chinesischen Machthaber nutzen die ganz große Bühne für ihre Propaganda: Pressekonferenz des Staatsrats am 24. Juni 2026. (Foto: UFWD Ngari/WeChat)
Dieses Gesetz aber zementiert und verschärft die KP-Strategie der zwangsweisen Assimilation von Tibetern, Uiguren und anderen. Bereits die Verknüpfung der beiden Themen unterstrich damit den engen Zusammenhang zwischen den Zwangsinternaten und dem Assimilationsgesetz und bestätigte so indirekt die Kritik.
Starke Parallelen zu kolonialen Internatssystemen
In den Worten des Funktionärs der KP-Einheitsfront haben Chinas Zwangsinternate natürlich überhaupt nichts mit Assimilation zu tun. Vielmehr unterscheide sich das Internatssystem in Tibet „grundlegend von den kolonial geprägten Internatsschulen einiger anderer Staaten“.
Offenbar spielt Duan damit auf die berüchtigten Internatssysteme an, die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in Ländern wie Kanada, den USA oder Australien existierten. Sie zielten auf die Assimilation indigener Kinder in die Kultur der kolonialen Mehrheitsgesellschaft. Die Kinder wurden von ihren Eltern und ihrer Herkunftskultur getrennt und einer umfassenden Indoktrination unterzogen. Christliche Kirchen spielten dabei häufig eine unrühmliche Rolle.
Bei genauerem Hinsehen überwiegen allerdings die Parallelen zwischen den Internatssystemen im KP-Staat China und den westlichen Ländern. Der Staat nimmt den Eltern ihre Kinder weg und setzt sie einer umfassenden ideologischen und kulturellen Indoktrinierung aus – in vielen Fällen schon ab dem Kindergartenalter. Staatlich verordnetes Xi Jinping-Denken tritt an die Stelle der Bibel.
China baut Zwangsinternate weiter aus
Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die Internatssysteme in westlichen Ländern sind Vergangenheit, es findet eine öffentliche Aufarbeitung statt. Betroffene melden sich zu Wort und verlangen öffentlich Wiedergutmachung. Der kanadische Staat etwa hat vor fast 20 Jahren eine Entschädigungsvereinbarung getroffen, der Premierminister sich offiziell für das Unrecht entschuldigt. Die zu diesem Zweck eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission bezeichnet das System als „kulturellen Genozid“.

Grundschüler in Lhasa auf der Bühne einer Veranstaltung unter dem Motto „Die Gnade der Partei besingen, das Erbe weitergeben“. Die Kinder tragen tibetische Kleidung und das rote Halstuch der kommunistischen Jungpioniere. (Foto: Bildungsbehörde TAR/WeChat)
Der KP-Staat China hingegen fährt mit Vollgas in die Gegenrichtung und baut seine Zwangsinternate weiter aus. Die letzten verbliebenen tibetischen Privatschulen werden zur Schließung gezwungen, ihre Schüler zwangsweise dem staatlichen Schulsystem zugeführt.
Berichte über „gefängnisähnliche Bedingungen“ in den Zwangsinternaten machen die Runde. Kritiker dieser Politik gehen enorme Risiken ein. Erinnert sei beispielsweise an den tibetisch-buddhistischen Lehrer Tulku Hungkar Dorje, der am 29. März 2025 unter ungeklärten Umständen in chinesischer Haft in Vietnam verstorben ist.
„Den roten Geist weitertragen, die Kraft zum Voranschreiten bündeln“
Für die chinesischen Machthaber stellen die Schulen ein bevorzugtes Instrument der Indoktrination dar. Kinder gelten ihnen als besonders leicht zu beeinflussen; je jünger diese sind, desto leichter die Aufgabe für die Ideologen der KP Chinas. Wie sich das auf den Alltag der tibetischen Schulkinder auswirkt, verdeutlicht ein Artikel mit dem Titel „Den roten Geist weitertragen, die Kraft zum Voranschreiten bündeln“.
Erschienen ist er auf dem WeChat-Kanal der Bildungsbehörde der sogenannten Autonomen Region Tibet (TAR), die ungefähr die Hälfte der Fläche Tibets ausmacht.
Schüler müssen die Gründung der Kommunistischen Partei feiern
Der Artikel der Bildungsbehörde beschreibt die Feierlichkeiten an Schulen in verschiedenen Teilen Tibets aus Anlass der Gründung der chinesischen KP. Gestützt auf Ressourcen der „roten Erziehung“ und die „Führung durch die Parteiorganisationen“ seien „vielfältige Bildungs- und Propagandaaktivitäten mit klaren politischen Themen durchgeführt“, so der Bericht.

Schüler der Experimentellen Mittelschule Lhasa hissen die Flagge des chinesischen KP-Staats. Ihre Mitschüler müssen derweil auf dem Sportfeld strammstehen. (Foto: Bildungsbehörde TAR/WeChat)
So habe eine Mittelschule in Lhasa zum offiziellen Gründungstag der KP am 1. Juli eine Flaggenzeremonie durchgeführt, die unter dem Motto stand: „Dem 1. Juli entgegen – der Partei folgen | Jugend auf dem neuen Weg des Fortschritts“.
Diese wurde folgendermaßen beschrieben: „Während der Nationalhymne ‚Marsch der Freiwilligen‘ wurde die chinesische Nationalflagge gehisst. Lehrer und Schüler standen in feierlicher Haltung und gedachten in diesem Rahmen der revolutionären Traditionen.“
Vielfältige Formen der Indoktrinierung
Eine weitere Schule habe zum 1. Juli etwa einen Besuch des „Revolutionsgeschichtlichen Museums von Chamdo“ (Foto ganz oben) organisiert. Aufgabe der Schüler sei es gewesen, „sich mit den historischen Kämpfen und Leistungen auseinanderzusetzen und daraus Motivation für die Gegenwart zu gewinnen“, so der Bericht der Bildungsbehörde.
Eine Grundschule in Lhasa wiederum veranstaltete eine Vortragsreihe unter dem Motto „Mit der Stimme die Gnade der Partei würdigen – das Feuer weiterreichen“. Lehrer und Schüler hätten „klassische revolutionäre Texte“ rezitiert und „an die Geschichte der Revolution sowie an den Entwicklungsweg Chinas“ erinnert.
Berichte offenbaren Widerspruch zu offizieller Propaganda
Tibet wird von den Pekinger Machthabern hermetisch abgeriegelt und gilt als eines der am wenigsten freien Länder der Welt. Eine freie Berichterstattung aus Tibet existiert nicht, die Weitergabe authentischer Informationen an Kontakte im Ausland bringt Tibeter in höchste Gefahr.
Das chinesische KP-Regime setzt alles daran, die Berichterstattung aus – und über – Tibet zu monopolisieren und abweichende Meinungen zum Verstummen zu bringen. Und so mag sich der eingangs erwähnte Funktionär Duan Yijun im Glauben wähnen, mit seinem Lobpreis der Zwangsinternate in Tibet erfolgreich zu sein.
Wer jedoch die überwiegend nur auf Chinesisch publizierten Berichte der staatlichen Medien und offizieller Stellen aufmerksam liest, kommt zu einem anderen Bild. Denn sie offenbaren einen eklatanten Widerspruch zu den Behauptungen der KP-Propagandisten. Sie bieten aufmerksamen Beobachtern mehr als nur eine Ahnung, was es heißen muss, heute in Tibet eine staatliche chinesische Schule zu besuchen.
* Das Foto ganz oben stammt aus dem Bericht vom WeChat-Kanal der der Bildungsbehörde der sogenannten Autonomen Region Tibet (TAR).
