KP-Einheitsfront forciert
«patriotische Erziehung
und nationale Einheit»
Foto: UFWD Ngari/WeChat*
Am 1. Juli trat Chinas neues Assimilationsgesetz in Kraft, offiziell als Gesetz über «ethnische Einheit» bezeichnet. Für die Tibeter, aber auch für die Uiguren, die Mongolen und viele andere, bedeutet dies eine existenzielle Bedrohung: Denn Pekings Politik zielt auf die Auslöschung ihrer eigenständigen Sprache, Religion, Lebensweise und Kultur. Und das KP-Regime scheut dafür keinen Aufwand.
Sogar im äußersten Westen Tibets, in der extrem dünn besiedelten Präfektur Ngari (chin.: Ali), verstärken die chinesischen Machthaber ihre Assimilationskampagne. So berichtet die regionale Abteilung für Einheitsfrontarbeit der Kommunistischen Partei auf ihrem WeChat-Kanal über mehrere, entsprechende Veranstaltungen im Landkreis Ruthok (chin.: Ritu).
Diese hätten unter dem Motto „Das rote Erbe fortführen, die Seele der Einheit festigen“ gestanden; Ziel sei es gewesen, das Bewusstsein für die „Gemeinschaft der chinesischen Nation“ weiter zu festigen, so die KP-Propagandisten.
Tibeter sollen sich mit dem KP-Regime „identifizieren“ …
Zunächst habe ein KP-Funktionär den anwesenden Tibetern einen Vortrag gehalten, in dem er die erwartbaren Allgemeinplätze der Staatspropaganda wiederholte. Dabei schwor er sein Publikum auf die angebliche „Gemeinschaft der chinesischen Nation“ ein, Patriotismus sei „die wichtigste Wertebasis der nationalen Einheit“.
Der Funktionär forderte die Tibeter dazu auf, sich auf fünf verschiedenen Feldern mit dem KP-Regime zu identifizieren. Explizit nannte er die Identifikation „mit dem Vaterland, der chinesischen Nation, der chinesischen Kultur, der Kommunistischen Partei Chinas und dem Sozialismus chinesischer Prägung“.
… sonst drohen lange Haftstrafen
In dem Artikel der KP-Einheitsfront bleibt selbstverständlich unerwähnt, welche Konsequenzen es für die Tibeter hätte, sollten sie sich diesen „Fünf Identifikationen“ verweigern. Was ihnen droht, wenn sie sich beispielsweise für eine Rückkehr das Dalai Lama nach Tibet stark machen, oder auch nur Bilder von ihm besitzen.
Vermutlich würde es ihnen ähnlich ergehen, wie dem tibetischen Mönch Palden Yeshi. Dieser wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, weil er sich für den Erhalt der tibetischen Sprache eingesetzt hatte. Oder wie dem Mönch Trinley Gyatso. Er wurde beschuldigt, Texte des Dalai Lama mit buddhistischen Unterweisungen verbreitet zu haben. Dafür verurteilte man ihn zu fünf Jahren Haft, doch auch nach seiner Entlassung stellte man ihn gleich wieder unter Hausarrest.
Besuch einer „roten Bildungsstätte“
Mit einem Vortrag allein gaben sich die Vertreter der Einheitsfront in Ruthok nicht zufrieden. Dem Artikel zufolge mussten die teilnehmenden Tibeter anschließend noch eine sogenannte „rote Bildungsstätte“ besuchen. Das chinesische KP-Regime hat in den vergangenen Jahren ein umfangreiches Netz solcher Propaganda-Einrichtungen über sein Herrschaftsgebiet gespannt.
Besucher erhalten dort ein extrem einseitiges Bild der Geschichte vermittelt, das komplett dem Narrativ der Parteihistoriker entspricht. Mit der Realität hat dies kaum etwas gemein. Und so mussten auch die Tibeter im Landkreis Ruthok sich darüber belehren lassen, dass sie von den chinesischen Kommunisten nach deren Einmarsch in Tibet „befreit“ worden seien.
China bringt Gewalt, Mord und Zerstörung nach Tibet
In Wahrheit handelte es sich um das genaue Gegenteil. Schon kurz nach ihrer Machtübernahme in Peking im Jahr 1949 besetzten Mao Zedongs kommunistische Streitkräfte Tibet. Zusammen mit den Arbeitsteams der KP schufen sie die Grundlagen für die langfristige Annexion Tibets.
Nachdem Peking im Jahr 1955 damit begonnen hatte die tibetischen Nomaden gegen ihren Willen sesshaft zu machen und die Kollektivierung des Landbesitzes zu erzwingen, reagierten die Tibeter mit Protest und Widerstand. Dieser wurde von chinesischen Soldaten brutal niedergeschlagen, es kam es zu massiven Gewalttaten, Morden und der Zerstörung von Klöstern.
„Spaß-Sportveranstaltung zur nationalen Einheit“
Eine weitere typische Aktivität bei derartigen Veranstaltungen sind Kalligrafiewettbewerbe. In Ruthok mussten die Teilnehmer „Werke zu Themen wie Liebe zu Partei und Vaterland, nationale Einheit und das Bewusstsein einer gemeinsamen chinesischen Nation“ erstellen. Den KP-Propagandisten zufolge sollten die später ausgestellten Arbeiten „patriotische und einheitsfördernde Botschaften“ verbreiten.
Beinah bizarr anmutend erscheint der abschließende Teil der Kampagne. Im Hof ihres Gebäudes veranstaltete die Einheitsfront eine sogenannte „Spaß-Sportveranstaltung zur nationalen Einheit“. „Kader, Einwohner, Geschäftsleute, Mönche und Freiwillige“ hätten sich daran in gemischten Teams beteiligt.

Tibeter nehmen an einer „Spaß-Sportveranstaltung zur nationalen Einheit“ teil. (Foto: UFWD Ngari/WeChat)
Resiliente Tibeter
Angesichts des propagandistischen Charakters des vorliegenden Berichts müssen einige Fragen offenbleiben. Etwa die nach der Zusammensetzung der tibetischen Teilnehmer. Gerne wüsste man, mit welchen Mitteln sie dazu gebracht wurden, sich der „patriotischen Erziehung“ durch die Einheitsfrontvertreter zu unterziehen. Oder auch die nach der langfristigen Wirkung dieser Art von „Gehirnwäsche“.
Solange die chinesischen Machthaber dafür sorgen, dass Tibet eines der am wenigsten freien Länder der Welt bleibt, dürften gesicherte Antworten schwer zu erlangen sein. Ein Blick in die Geschichte kann allerdings Mut machen. So haben die Tibeter bislang auch unter härtester Unterdrückung an ihrer Sprache, ihrer Kultur und Religion festgehalten. Es besteht also begründete Hoffnung, dass auch Pekings neues Assimilationsgesetz an der Resilienz der Tibeter scheitern wird.
* Bild oben: Im westtibetischen Landkreis Ruthok organisierte die Vereinigte Arbeitsfront der Kommunistischen Partei Chinas (UFWD) – auch bekannt als KP-Einheitsfront – eine „Reihe von Veranstaltungen zum Thema patriotische Erziehung und nationale Einheit“. Der Landkreis Ruthok gehört zur Präfektur Ngari (chin.: Ali). Das Foto stammt aus dem WeChat-Kanal der UFWD Ngari. Auf dem Banner steht: „Das rote Erbe fortführen, die Seele der Einheit festigen“.


