Behörden zensieren
Social Media-Posts, die
Gerechtigkeit fordern
Foto: ICT
Der prominente tibetische Geschäftsmann und Philanthrop Dorjee Tashi wartet seit zehn Monaten vergeblich auf Besuch von seinen Anwälten. Offenbar verweigern die chinesischen Behörden ihnen systematisch den Zugang zu ihrem Mandanten, wie die International Campaign for Tibet (ICT) erfahren hat. Demnach lehnten sie im Juli und August 2026 mehrere Besuchsanträge der Anwälte ab.
Seine Familienangehörigen hat er sogar schon wesentlich länger nicht zu Gesicht bekommen. Seiner Frau und seinen Kindern wird der Besuch bereits seit etwa zwei Jahren verweigert. Dorjee Tashis älterer Bruder und seine älteste Schwester haben ihn zuletzt im Jahr 2019 gesehen, seine zweite Schwester im Jahr 2021. Damit verstoßen die chinesischen Machthaber nicht nur gegen internationale Menschenrechte, sondern auch gegen im chinesischen Strafvollzugsgesetz verankerte Garantien.
Dorjee Tashi verbüßt derzeit eine lebenslange Haftstrafe im berüchtigten Drapchi-Gefängnis in Tibets Hauptstadt Lhasa. Er gilt als einer der prominentesten Tibeter in chinesischer Haft, ICT fordert seit vielen Jahren schon seine Freilassung.
Zensur von Forderungen nach Gerechtigkeit in sozialen Medien
Die chinesischen Behörden verfolgen im Internet jegliche Aktivität zugunsten des tibetischen Häftlings. Insbesondere zensieren sie entsprechende Beiträge chinesischer Menschenrechtsaktivisten, Rechtsbeobachter und Familienangehöriger in chinesischen sozialen Medien.
Umgehend entfernten die chinesischen Zensurbehörden etwa einen Beitrag vom 1. August, der Tashis lebenslange Haftstrafe als „schwerwiegenden Justizirrtum“ bezeichnete. Genauso verfuhren sie am 12. August, als der Beitrag erneut veröffentlicht wurde.
ICT ist es gelungen, den Beitrag auf der chinesischen Social-Media-Plattform WeChat kurz vor seiner erneuten Löschung zu archivieren. Mittlerweile ist auf dem ursprünglichen Link nun eine Meldung auf Chinesisch zu sehen, in der es heißt: „Dieser Inhalt kann aufgrund von Verstößen nicht angezeigt werden. Nach entsprechenden Beschwerden verstößt dieser Inhalt gegen das ‚Cybersicherheitsgesetz der Volksrepublik China‘“. Offenkundig wollen die chinesischen Behörden jegliche öffentliche Diskussion über den Fall von Dorjee Tashi bereits im Keim ersticken.
„Vergeltungsmaßnahmen der Strafverfolgungsbehörden“
Seine Verteidiger Liu Zheng und Wang Fei haben wiederholt vergeblich Anträge auf ein Treffen mit ihrem Mandanten gestellt. Die fortgesetzte Ablehnung dieser Anträge trägt nach Ansicht von Beobachtern teilweise den Charakter von „Vergeltungsmaßnahmen der Strafverfolgungsbehörden“.
Diese Interpretation zumindest erlaubt ein Social-Media-Beitrag, der sich auf die Anwälte beruft. Demnach lehnten die Gefängnisbehörden einen Besuchsantrag von Rechtsanwalt Wang Fei ab, weil er die Familie über ein Gespräch mit Dorjee Tashi informiert hatte. Dieser hatte dem Anwalt bei ihrem letzten Treffen im Oktober 2025 berichtet, im Gefängnis geschlagen worden zu sein.
Außerdem hätten Gefängnisbeamte die Familie aufgefordert, Online-Beiträge zu dem Fall zu löschen und eine Entschuldigung zu veröffentlichen. Erst dann würden die Behörden überhaupt in Erwägung ziehen, Besuche zu genehmigen.
Gefängnisbehörden schützten Dorjee Tashi nicht vor Angriffen von Mitgefangenen
Dorjee Tashi, einst ein erfolgreicher Geschäftsmann und Philanthrop in Tibet, wurde erstmals 2008 im Zuge einer tibetweiten Protestwelle festgenommen. Angeblich sollte er „Aktivitäten finanziert haben, die die nationale Sicherheit gefährden“. Dorjee Tashi wurde in chinesischer Haft wiederholt von Mitgefangenen angegriffen.
ICT verfügt über glaubwürdige Informationen, denen zufolge die chinesischen Gefängnisbehörden ihn nicht davor geschützt haben. Stattdessen – so die Quellen – hätten sie die Angriffe als Vorwand genutzt, um Tashi „Fehlverhalten” im Gefängnis vorzuwerfen und ihm den Kontakt zu seiner Familie und seinem Rechtsbeistand zu verweigern.
Ein am 15. April 2025 durch drei andere Gefangene verübter Angriff hinterließ sichtbare Narben auf Dorjee Tashis Stirn. Bereits vier Jahre zuvor war es am 17. April 2021 zu einem schwereren Angriff auf ihn durch eine Gruppe von acht Insassen gekommen.
