Tibetische Reiter müssen
China-Flaggen schwenken
und Chinas Hymne singen
Quelle: kbcmw.com
Am traditionellen Reiterfest im osttibetischen Lithang lässt sich ablesen, wie systematisch die chinesischen Machthaber die „Sinisierung“ der tibetischen Kultur betreiben. Die Berichte der chinesischen Staatsmedien wimmeln nur so vor Bildern mit Flaggen des chinesischen KP-Staates. Noch vor gar nicht so langer Zeit boten ihre Volksfeste den Tibetern zumindest ansatzweise einen kleinen Freiraum, den sie als Ausdruck der kulturellen Selbstbehauptung nutzen konnten.

Der tibetische Nomade Runggye Adak spricht im Sommer 2017 zu den Besuchern des Reiterfestes von Lithang. (Quelle: ICT)
Geradezu legendär war in dieser Hinsicht das Reiterfest des Jahres 2007. Der tibetische Nomade Runggye Adak nutzte es für eine kühne Geste: Am 1. August 2007 ergriff er das Mikrofon und wandte sich auf Tibetisch an die versammelten Festbesucher. Er kritisierte die chinesische Unterdrückungspolitik und sprach sich für die Rückkehr des Dalai Lama nach Tibet aus. Runggye Adak musste für seine Ansprache schwer büßen. Er wurde direkt danach verhaftet und verbrachte acht lange Jahre in chinesischer Haft.
Spektakel für chinesische Touristen
Mehr als zehn Jahre lang blieb das traditionelle Reiterfest in Lithang daraufhin verboten. Offenbar hatten die chinesischen Machthaber Sorge, die tibetische Bevölkerung könnte eine solche Massenveranstaltung nutzen, um ihre Herrschaft zu kritisieren. Erst im Jahr 2018 durfte das Fest wieder stattfinden, allerdings in stark veränderter Gestalt. War es bis zu seinem Verbot vor allem ein Fest für die tibetischen Bewohner des Graslandes gewesen, sollte es nun den von Peking massiv forcierten Tibet-Tourismus befeuern helfen.

Werbeplakat für das diesjährige Reiterfest von Lithang. Offenkundig wendet es sich an ein chinesischsprechendes Publikum, dem der exotische Reiz des tibetischen Hochlands nähergebracht werden soll. (Quelle: ganzitv.com)
Die tibetischen Reiter sollten den chinesischen Touristen ein exotisch anmutendes Spektakel bieten, wie sie in vollem Galopp über die Ebene jagten. Anders als früher aber trugen die Reiter dabei nun große chinesische Fahnen. Die eindeutige Botschaft dieser Inszenierung: Die Tibeter bekennen sich zum chinesischen KP-Staat und tragen stolz dessen Embleme zur Schau.
Traditionelle Feste als Symbole der Unterwerfung
Was in Lithang und zunehmend mehr Orten vorexerziert wurde, findet heute in ganz Ost- und Nordosttibet statt. Überall wo die traditionelle Kultur als Aufhänger solcher Großveranstaltungen dient, werden massenhaft China-Flaggen geschwenkt und die chinesische Nationalhymne gesungen, wie Berichte der chinesischen Propagandamedien belegen. China verstärkt so die „Sinisierung“ der tibetischen Kultur. Traditionelle Feste mutieren zu Symbolen der Unterwerfung und werden damit zu Belegen für Chinas neue, zweite Kulturrevolution in Tibet.

Tibetische Reiter in einem Meer von China-Flaggen paradieren durch die Straßen von Lithang. (Quelle: kbcmw.com)
Passend dazu sind auch die Beschreibungen der chinesischen Propagandisten. Das Hochland von Tibet, der Ort an dem diese Feste abgehalten werden, mutiert bei ihnen zum „westchinesischen Plateau“. Tibet soll auf keinen Fall mehr Tibet genannt werden, stattdessen ist in einem weiteren Bericht die Rede vom „Bewusstsein für die Gemeinschaft der chinesischen Nation“. Die KP-Propaganda benennt als Ziel der Veranstaltung, die Idee der „chinesischen Nation als eine Familie“ durch Austausch und Interaktion zu vertiefen.
Eine eigenständige tibetische Kultur hat in dieser Vorstellung ebenso wenig Platz wie die tibetische Sprache, deren Weitergabe an die junge Generation systematisch verhindert werden soll. In den chinesischen Zwangsinternaten sollen die jungen Tibeter zu Chinesen gemacht werden.
Tibeter haben erstaunliche Resilienz bewiesen
Das allerdings muss nicht gelingen. Denn der Blick auf die erste Kulturrevolution kann auch Mut machen. Im Rückblick haben die Tibeter eine erstaunliche Resilienz bewiesen und ihre Kultur, ihre Religion und ihre Sprache selbst in langen Jahren brutaler Unterdrückung bewahren können. So bleibt die Hoffnung, dass Peking auch diesmal sein Ziel nicht erreicht.

Der Landkreis Sunan nutze ein Reiterfest „als Mittel, um die Bevölkerung zu einen“, so die chinesische Propaganda. (Quelle: Zhangye.gov.cn)
Die internationale Gemeinschaft muss Druck auf die chinesischen Machthaber ausüben und von Peking verlangen, die Rechte der Tibeter zu respektieren. ICT setzt alles daran, Staaten und internationale Gremien an ihre Verantwortung zu erinnern. Wir müssen die Tibeter darin unterstützen, ihre einzigartige Kultur, Sprache und Religion zu erhalten.
