Statt Buddhas
werden nun Pekings
Soldaten abgebildet
Quelle: gmfyg.org.cn*
Die erzwungene „Sinisierung“ Tibets durch die chinesischen Machthaber hat viele Gesichter. Eine Ausstellung in Peking lieferte jüngst ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie diese sich Tibets Kultur und Tradition bemächtigen und in KP-Propaganda verwandeln. Zugleich verrät der Vorgang Pekings überaus problematische Vorstellung des Begriffs Kulturerbe, wird dieses hier doch in Wahrheit mit Füßen getreten.
Im vorliegenden Fall berichten die chinesischen Propagandamedien über sogenannte „Rote Erinnerungen“, die im Gewand klassischer tibetischer Thangkas daherkommen. Die auf Stoff gemalten Rollbilder spielen im Buddhismus eine wichtige Rolle, normalerweise zeigen sie religiöse Inhalte wie etwa Buddhas, Schutzgottheiten oder Mandalas.
Geschichtsklitterung in Gestalt „Roter Erinnerungen“
Die chinesischen Machthaber jedoch haben mit Buddha nichts im Sinn, sie haben ihn durch ihre Soldaten ersetzt. Ganz im klassischen tibetischen Stil gemalt, werden die kommunistischen Invasoren in bester Propagandamanier als angebliche Freunde des tibetischen Volkes dargestellt: Geschichtsklitterung in Gestalt „Roter Erinnerungen“.

Nicht gerade eine Armee auf der Flucht: „Der Sportwettkampf der Roten Armee am 1. Mai“. (Quelle: gmfyg.org.cn)*
Die dargestellten Szenen sollen während des „Langen Marsches“ spielen, jener von der KP mythisch überhöhten Phase des chinesischen Bürgerkriegs, als die kommunistischen Streitkräfte vor ihren Gegnern fliehen mussten und dabei die Grenzen Chinas überschritten. Mitte der 1930er Jahre fielen sie so auch in den Osten Tibets ein.
Chinesische Soldaten bringen Hunger nach Tibet
Für die dort lebenden Tibeter war es häufig die erste Begegnung mit Chinesen. Wie die Autorin Barbara Demick in ihrem Buch „Eat the Buddha: Life and Death in a Tibetan Town” schreibt, machten sie keine guten Erfahrungen mit den bewaffneten Fremden. „Die chinesischen Soldaten begannen damit, Getreide von tibetischen Feldern zu ernten – teilweise noch unreif – und Getreidevorräte zu stehlen. Sie fingen Schafe und Yaks, um sie zu schlachten.“
Angesichts der Gegebenheiten im Hochland von Tibet war „die Menge an Nahrungsmitteln, die angebaut werden konnte, begrenzt“, so Demick: „Das Plateau konnte keine große Bevölkerung ernähren, schon gar nicht die Tausenden von neu angekommenen Soldaten. Zum ersten Mal seit Menschengedenken erlebten die Tibeter eine Hungersnot.“

Zynisch anmutender Titel angesichts der Hungersnot, die die chinesischen Soldaten nach Tibet brachten: „Fröhliche Feierlichkeiten zu den hundert Festen“. (Quelle: gmfyg.org.cn)*
Schwülstige Titel: „Abschied von der Roten Armee mit schwerem Herzen“
Wenig überraschend haben sich die im Pekinger Museum für immaterielles Kulturerbe ausgestellten Propaganda-Thangkas einer stark abweichenden Darstellung der historischen Ereignisse verschrieben. Aus abgerissenen und unterernährten Soldaten auf der Flucht haben die Propaganda-Maler wohlgenährte Gestalten gemacht, die den einheimischen Tibetern freundlich begegnen.
Genau dies war auch der ihnen zugedachte Auftrag. Es ging schließlich um nichts anderes, als „die Freundschaft zwischen dem han-chinesischen und dem tibetischen Volk nachzustellen und so den 90. Jahrestag des Sieges des Langen Marsches zu feiern“, wie die Staatsmedien schreiben. Einzelne Bilder tragen schwülstige Titel wie „Abschied von der Roten Armee mit schwerem Herzen“ oder „Der Geist der Roten Armee, der über Generationen weitergegeben wurde“.
Fragwürdige Vorstellung von Kulturerbe
Bei der Pekinger Thangka-Ausstellung handelte es sich keineswegs um die erste ihrer Art. Bereits im Jahr 2023 etwa „bereicherte“ die Ausstellung „Rotes immaterielles Kulturerbe“ das sogenannte Volkskulturfestival im osttibetischen Landkreis Drango (chin. Luhuo). So zumindest formulierten es damals die staatlichen Propagandamedien.

Schwülstiger Titel: „Der Geist der Roten Armee, der über Generationen weitergegeben wurde.“ (Quelle: gmfyg.org.cn)*
Der Ort war nicht zufällig gewählt. Drango sei vom Kulturministerium als „Heimatstadt der chinesischen Thangka-Kunst“ ausgewiesen, so ein Bericht. Zwar konzedierte man, dass es sich dabei um „eine besondere Form der Malerei in der tibetischen Kultur“ handle, gleichwohl blieb es bei der „chinesischen Thangka-Kunst“. Bereits diese Bezeichnung verrät eine fragwürdige Vorstellung des Begriffs Kulturerbe.
Lehrstück über Pekings „Sinisierungs“-Strategie
Geradezu abenteuerlich mutet es jedoch an, dass an keiner Stelle die buddhistische Dimension der Thangka-Malerei erwähnt wird. Dabei sind Buddhismus und Thangkas untrennbar miteinander verbunden. Die chinesischen Machthaber setzen alles daran, dies zu ändern. Ihr Umgang mit der Thangka-Malerei wird so zum Lehrstück über Pekings „Sinisierungs“-Strategie als Teil der neuen Kulturrevolution in Tibet.
Am Anfang steht die Erkenntnis, dass die Thangka-Malerei einen Wert darstellt, den man für sich nutzen kann. Ganz im Sinne der Erschließung Tibets für den – vor allem chinesischen – Tourismus folgt die Aufnahme der Thangka-Kunst in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes im Jahr 2006. Die KP-Machthaber fördern in der Folge die Ausbildung junger Thangka-Maler, achten dabei aber in zunehmendem Maß darauf, religiöse Inhalte durch profane Sujets zu ersetzen.

Ausschnitt aus dem Thangka: „Der rote Stern leuchtet über dem verschneiten Reich“. Es war 2023 im osttibetischen Drango zu sehen. (Quelle: Sichuan Ganzi Daily)*
Enteignung der tibetischen Buddhisten
Das Stichwort der Propagandisten lautet „Revitalisierung durch Innovation“. Die Schaffung innovativer Werke erfordere „die Inspiration aus anderen Kunstformen“, um „das eigene Handwerk zu verfeinern und damit die Thangka-Kunst wiederzubeleben“. Passenderweise spendiert man den jungen Malern etwa eine „Ausbildung in chinesischer Malerei“, um ihren „kreativen Horizont zu erweitern“.
Was bleibt, konnte man in der Pekinger Ausstellung besichtigen. Eine Maltechnik, die sich an historischen Vorbildern orientiert, deren äußere Form kopiert, und deren Namen übernimmt. Ein angebliches Kulturerbe, das dessen originäre Inhalte mit Füßen tritt. Eine leere äußere Hülle, die im Kern nichts anderes bedeutet als die Enteignung der tibetischen Buddhisten.
* Die verwendeten Bilder stehen für die propagandistische Ausrichtung der besprochenen Ausstellungen in Peking bzw. Drango. Der Titel des Bildes ganz oben lautet: „Abschied von der Roten Armee mit schwerem Herzen“
