Interview mit
Kai Müller und
Erich Mayer
Foto: Marco Stepniak
Kai Müller und Erich Mayer konnten vor Kurzem ihr zwanzigjähriges Dienstjubiläum bei der International Campaign for Tibet Deutschland feiern. Unser Bild zeigt Erich Mayer (li.) und Kai Müller (re.) zusammen mit dem Internationalen Vorsitzenden von ICT Richard Gere anlässlich eines Besuchs im Berliner Büro im Jahr 2017.
Kai Müller leitet die Berliner Geschäftsstelle als Geschäftsführer, Erich Mayer ist verantwortlich für Finanzen und Organisation. Im Gespräch verraten die beiden, wie alles für sie begann und welche Momente sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten am meisten beeindruckt haben.
ICT: Kai Müller, Erich Mayer, Ihr seid jetzt beide 20 Jahre bei ICT, das ist ja eine enorm lange Zeit. Wenn man 20 Jahre irgendwo arbeitet, kann man dann sagen, das ist mehr als nur ein Job.
Erich Mayer: Ja, auf jeden Fall. Mir hat Tibet schon vorher viel bedeutet und das war für mich so eine Herzensgeschichte. Also insofern, haben da die Arbeit und das persönliche Interesse wunderbar zusammengepasst.
ICT: Wie war das bei Dir, Kai?
Kai Müller: Ich hatte schon vor meiner Tätigkeit bei ICT Berührung mit dem chinesischen Staat, wenn man das so sagen kann, nämlich über Amnesty International, wo ich langjährig ehrenamtlich tätig war, bevor ich bei ICT hauptamtlich Geschäftsführer geworden bin. Bei Amnesty haben wir öfter an Protesten teilgenommen, etwa bei Besuchen des chinesischen Staatspräsidenten. Das waren Erfahrungen, die bei mir Eindruck hinterlassen haben, weil ich erlebt habe, wie repressiv sich dieses Regime auch hier bei uns zeigt und wie wenig Widerstand unsere Demokratie gegenüber solchen repressiven Regimen auch in der Öffentlichkeit gezeigt hat – gerade bei diesen Besuchen von Staatspräsidenten.
ICT: Wie wichtig ist es für das Verständnis dessen, worum es eigentlich geht, Kontakt mit Exil-Tibetern in Indien oder auch hier in Europa zu haben.
Erich Mayer: Ja, ich glaube, es ist schon sehr wichtig. Mir hat es auf jeden Fall viel gebracht, dass ich, insbesondere im Rahmen unserer Hilfsprojekte in Indien, viel Kontakt mit den tibetischen Kinderdörfern hatte und mit den Leuten, die dort arbeiten. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was unsere Arbeit eigentlich vor Ort bedeutet, was heißt es für die Kinder, für die Lehrkräfte. Das hat mich sehr beeindruckt und war bereichernd für mich.
Kai Müller: ICT ist eine Organisation, bei der Tibeter und Nicht-Tibeter zusammenarbeiten. Und das macht unsere Stärke aus, indem wir aus beiden Bereichen schöpfen können, Expertise haben, Erfahrungen nutzen. Als Organisation, die sich für Tibeter einsetzt, ist es natürlich wichtig, dass Tibeter mitentscheiden, wie wir arbeiten, zu welchen Themen wir arbeiten. Und natürlich ist es für uns, die wir nicht Tibeter sind, ganz wichtig, auch den kulturellen Zugang zu haben, den wir über unsere Kolleginnen und Kollegen bekommen. Und das ist eine ganz wichtige, finde ich, einzigartige Qualität auch von ICT – dass eben Tibeter und Nicht-Tibeter so zusammenarbeiten, wie wir das tun.
ICT: Wenn Ihr jetzt zurückschaut auf diese zwanzig Jahre, was würdet Ihr sagen, waren vielleicht die prägendsten oder beeindruckendsten Momente?
Erich Mayer: Das waren tatsächlich die Besuche in den Kinderdörfern und der Kontakt mit den Tibeterinnen und Tibetern, mit den Kindern, mit den Mitarbeitern vor Ort, zu sehen mit welch einfachen Mitteln und welchem Engagement sie ihre Arbeit machen. Die Herzlichkeit und die Wärme zu spüren und zu sehen, wie liebevoll dort mit den Kindern umgegangen wird.
Kai Müller: Ja, für mich auch natürlich die Erlebnisse im Kinderdorf und die tolle Arbeit, die dort gemacht wird, die unterstützen zu können. Das ist ganz, ganz wichtig und sinnvoll. Persönlich natürlich erinnere ich mich an mein erstes Zusammentreffen mit dem Dalai Lama.
Das war 2006 in Brüssel, als ich noch als junger Mann dort mit ihm die Gelegenheit hatte, kurz die Hände zu schütteln oder einen Khata, einen tibetischen Segensschal, entgegenzunehmen. Und mit im Raum im Wartezimmer saß damals in einem großen Ohrensessel der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu, der natürlich auch eine unwahrscheinlich beeindruckende Persönlichkeit war.
Solche Momente haben sich eingeprägt, natürlich auch Momente hier in Berlin, als wir mit unserem Internationalen Vorsitzenden Richard Gere die Bundeskanzlerin Angela Merkel getroffen haben. Das war ein Highlight und auch ganz wichtig, dass wir auf der Ebene sprechen können und solche Termine haben konnten und hoffentlich auch bald wieder haben können.
ICT: Was war von der persönlichen Zusammenarbeit her das Beste, wenn Ihr jetzt zurückblickt?
Erich Mayer: Neben den wirklich beindruckenden Reisen nach Dharamsala hatten wir auch in Deutschland immer wieder tolle Erlebnisse, wenn der Dalai Lama zu Besuch war und wir z.B. in Frankfurt, im Hessenpark, in Wiesbaden oder Hamburg Infostände machen konnten und dort über unsere Arbeit informieren. Dort haben wir dann oft unsere Unterstützer persönlich getroffen und uns mit Ihnen ausgetauscht. Es war (und ist) schön zu sehen und zu hören, wie viele Menschen unsere Arbeit erreicht und wie wichtig sie ihnen ist.
Kai Müller: Ich würde auch sagen diese Reisen, die wir relativ selten zusammen gemacht haben, am Anfang ja mehr. Am Anfang war Erich öfter in Indien, auch um mich zu entlasten. 20 Jahre zusammen sein, da verbringt man viel Zeit miteinander. Das ist dann schon ein gutes Zeichen, wenn man das so lange miteinander aushält, oder?
Erich Mayer: Auf jeden Fall! Man verbringt im Alltag mit den Kollegen ja fast mehr Zeit als mit seinem Ehepartner.
ICT: Wie wichtig ist es für Euch, dass ICT eine internationale Organisation ist, die nicht nur in Deutschland sitzt, sondern auch in den Niederlanden, in Brüssel, in den USA und immer auch mit Menschen vor Ort in Indien zum Beispiel?
Kai Müller: Für die Tibeter ist es ganz wichtig, dass dieser Konflikt auf der internationalen Agenda ist und bleibt. Und spiegelbildlich dazu macht es nur Sinn, sich als Organisation auch international aufzustellen, weil alles mit allem zusammenhängt.
Das ist ein buddhistischer Gedanke, die Interdependenz, und das sehen wir gerade in der internationalen Politik, was Menschenrechte angeht, ganz besonders ausgeprägt.
Und auf der Arbeitsebene lernt man etwas von dem Zusammentreffen mit den Kollegen aus den anderen Büros.
Erich Mayer: Auf jeden Fall lernt man andere Standpunkte kennen oder halt auch andere Perspektiven an anderen Standorten. Wenn man so auf Deutschland fixiert ist, dann denkt man halt, das sind die Herausforderungen, aber andere Standorte haben ganz andere. Und das ist dann auch ganz schön.
Einmal war ich jetzt bei einem gemeinsamen Retreat von allen Mitarbeitern dabei. Das fand ich sehr bereichernd, die Menschen, die hinter den E-Mails sitzen, einfach mal kennenzulernen und zu sehen, was die machen, was denen ihre Arbeit so bedeutet. Das war auch eine ganz schöne Erfahrung.
ICT: Eine Frage noch zum Abschluss: Was wünscht Ihr Euch für die Tibeter, für Tibet und für ICT?
Erich Mayer: Was wünscht man sich für Tibet? Dass die Tibeter endlich die Möglichkeit haben, in ihrem eigenen Land frei zu agieren, das wünsche ich mir für Tibet. Und für ICT wünsche ich mir, dass die Arbeit einfach so erfolgreich weitergeht wie in den vergangenen 20 Jahren.
Kai Müller: Ich wünsche den Tibetern, dass sie mehr Solidarität erfahren von den Regierungen, Parlamenten, der Öffentlichkeit, die verstehen, um was es dort geht, nämlich um eine wertvolle Kultur, die systematisch ausgelöscht werden soll.
Und natürlich, dass Tibet frei ist, dass die Tibeter und Tibeterinnen selbst bestimmen können darüber, wie es in ihrem Land weitergeht, und nicht das autokratisch-totalitäre Regime in Peking.
ICT: Vielen Dank für das Gespräch.
