60 Jahre «TAR»: Peking
inszeniert Siegesfeier in
einem besetzten Land

 

Quelle: cnsvideo/youtube

In den vergangenen Tagen ließen die chinesischen Machthaber in pompöser Weise den 60. Jahrestag der Errichtung der sogenannten „Autonomen Region Tibet“ (TAR) feiern. Der Aufmarsch wirkte wie die Siegesfeier in einem besetzten Land. Zugleich war es der Versuch Tibet ein zweites Mal „verschwinden“ zu lassen.

In der sorgfältig choreographierten Inszenierung war nämlich von Tibet überhaupt keine Rede. Stattdessen waren die in zahlreichen Weltsprachen erscheinenden Kanäle der chinesischen Auslandspropaganda sichtlich bemüht, das Wort Tibet durch den Kunstbegriff „Xizang“ zu ersetzen.

Dies ist im Grunde nichts völlig Neues. Tatsächlich erschienen bereits vor zwei Jahren Berichte, dass etwa das chinesische Außenministerium „Tibet“ flächendeckend durch „Xizang“ ersetzen wolle. Es solle „in den offiziellen Dokumenten des chinesischen Außenministeriums kein Tibet mehr“ geben, so die damalige Formulierung.

Massive Geschichtsklitterung

Wohl noch nie zuvor aber hatten sich Pekings Propagandisten so für die Neubenennung ins Zeug gelegt wie im Vorfeld des 60. Jahrestags der TAR-Gründung. Dies ließ sich auch daran ablesen, dass KP-Generalsekretär Xi Jinping unter großer Geheimhaltung persönlich nach Lhasa reiste.

War unter großer Geheimhaltung persönlich nach Lhasa gereist: KP-Generalsekretär Xi Jinping grüßt von der Tribüne unterhalb des Potala-Palasts. (Quelle: cri.cn)

Und als wären sie bei dem US-amerikanischen Rechtspopulisten Steve Bannon in die Lehre gegangen, fluteten die chinesischen Propagandaschaffenden ihre zahlreichen Medienkanäle mit einer Unmenge sogenannter „Nachrichten“. Stets musste dabei die Rede von „Xizang“ sein, dessen „60 Jahre Glanz“ es angeblich zu feiern galt.

Dass dies nur mithilfe massiver Geschichtsklitterung möglich war, versteht sich von selbst. Die Verheerungen der chinesischen Politik hatten keinen Platz in dieser KP-Version der Geschichte Tibets. Nicht die massiven Gewalttaten der chinesischen Besatzungsarmee, nicht die zahlreichen Morde und die Zerstörung tibetischer Klöster in den 50er Jahren. Gleiches gilt für die Jahrzehnte der Unterdrückung, die folgen sollten, und die heute in eine neue, eine zweite Kulturrevolution gemündet sind.

„TAR“-Gründung als erster Versuch, Tibet „verschwinden“ zu lassen

Was von vielen übersehen wird: Die Errichtung der TAR im Jahr 1965 bedeutete in Wahrheit die Vollendung der Aufspaltung Tibets und damit das „Verschwindenlassen“ eines großen Teiles des Landes. Denn bereits vor der Schaffung der „Autonomen Region“ waren andere Teile Tibets zum großen Teil als sogenannte „Tibetisch Autonome“ Landkreise und Präfekturen den chinesischen Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan zugeschlagen worden.

Enormer Aufwand für die erwünschten Propagandabilder. (Quelle: cri.cn)

Und so umfasste die „Autonome Region Tibet“ flächenmäßig nur etwa das halbe Tibet. Mit ihrer Errichtung war die Aufspaltung Tibets zementiert. Zwar war immer noch von Tibet die Rede, doch im offiziellen, von den chinesischen Machthabern verfügten Sprachgebrauch war ein wesentlicher Teil des Landes „verschwunden“. Leider hatte Peking damit einigen Erfolg. So verorten auch im Westen viele Redakteure seriöser Medien weite Teile Nord- und Osttibets in „Westchina“ oder gleich in den Provinzen, denen sie verwaltungsmäßig angegliedert wurden.

Reziprozität Fehlanzeige: Tibet ist für Journalisten nicht zugänglich

Ein Faktor, der dies begünstigt, ist der Umstand, dass Tibet für Journalisten praktisch nicht zugänglich ist. Während chinesische „Medienmitarbeiter“ im Westen freien Zugang zu jedem ähnlichen Großereignis haben, bleibt Tibet abgeschottet. Von Reziprozität kann keine Rede sein.

Sorgfältig choreographierter Massenjubel in Lhasa. (Quelle: cnsvideo/youtube)

Nur ganz selten gibt es von der Kommunistischen Partei sorgfältig organisierte und choreographierte Journalistenreisen. Dabei dürfen die Berichterstatter dann Potemkinsche Dörfer fotografieren und wohlvorbereitete Gesprächspartner „interviewen“. Der Erkenntnisgewinn solcher Reisen hält sich zwangsläufig in engen Grenzen.

Wider die unkritische Übernahme von KP-Narrativen

Leider wird dies im Westen ebenso hingenommen wie die immer enger werdenden Spielräume für Journalisten in China allgemein. Nur selten hinterfragt man die Implikationen des eigenen Ausschlusses aus Tibet, allzu unkritisch übernimmt man das Narrativ der KP-Diktatur. Dies beginnt bei Bezeichnungen wie im vorliegenden Fall und endet nicht bei Chinas hoch fragwürdigen Statistiken jeglicher Art.

Zweimal Xi Jinping auf der Festtribüne: Vorne persönlich, oben als Bild. (Quelle: cri.cn)

Es sollte niemandem egal sein, was Peking auf dem „Dach der Welt“ macht. Die Geheimhaltung der chinesischen Machthaber hat einen guten Grund. Denn am Beispiel Tibets lassen sich viele Entwicklungen ablesen, die für das Verständnis des Regimes bedeutsam sind und nicht nur die Tibeter, sondern auch uns im Westen direkt betreffen. Auch aus diesem Grund gilt es, besser darauf zu achten, was in Tibet geschieht.

Und es gilt, auf die eigene Sprache zu achten: Tibet muss Tibet bleiben!

 

Autor: Martin Reiner, International Campaign for Tibet

 

Sie wollen weiterhin informiert bleiben? Abonnieren Sie jetzt unseren kostenlosen Newsletter!

ANMELDUNG NEWSLETTER

Bleiben Sie über Tibet und
die Arbeit der ICT informiert!

ANMELDUNG NEWSLETTER

Bleiben Sie über Tibet und
die Arbeit der ICT informiert!

JETZT SPENDEN

Spendenkonto
IBAN: DE24370205000003210400
BIC: BFSWDE33XXX

 

MITGLIED / UNTERZEICHNER /
MITGLIED IM TRÄGERVEREIN

  

 

JETZT FOLGEN

   

JETZT SPENDEN

Spendenkonto
IBAN: DE24370205000003210400
BIC: BFSWDE33XXX

 

MITGLIED / UNTERZEICHNER /
MITGLIED IM TRÄGERVEREIN

  

 

 

JETZT FOLGEN