Traditionelles Wissen
der Tibeter wird
dringend benötigt
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Die Sturzflut am 26. August 2026 im Himalaja verursachte verheerende Schäden in Tibet und Nepal. Die Katastrophe forderte hunderte Tote oder Vermisste und das Ausmaß der Zerstörung ist erschütternd. Innerhalb von Minuten zerstörte die Flutwelle im Gebiet zwischen Tibet und Nepal die mächtige chinesische Grenzanlage im südtibetischen Kyirong (chinesisch: Gyirong) und damit eine wichtige Handelsroute Chinas für Südasien.
Jahrzehntelang rechtfertigte der chinesische Slogan rending shengtian („menschliche Entschlossenheit kann die Natur besiegen“) groß angelegte Bau- und Entwicklungsprojekte in Tibet und China, die darauf abzielten, schwieriges Terrain zu überwinden und die Umwelt zu beherrschen. Dennoch zeigten die jüngsten Überschwemmungen in Tibet und Nepal die Grenzen und teils katastrophale Versäumnisse des Entwicklungsmodells der Kommunistischen Partei Chinas. Die Sturzflutkatastrophe hat deutlich gemacht, dass selbst die ehrgeizigsten und aufwändigsten Entwicklungsprojekte gegen die Naturgewalten machtlos sind.
Im Gegensatz zum Modell Pekings haben die Tibeter seit Jahrhunderten erkannt, wie wichtig Umweltschutz und der sorgsame Umgang mit Ressourcen angesichts der besonderen geographischen Lage ist. Dieses widerstandsfähige und nachhaltige Modell wurde mit Chinas Besetzung Tibets ausgehebelt. Mit der damit einhergehenden Ideologie der KP Chinas, dass Menschen die Natur kontrollieren könnten, begann der rücksichtslose Ausbau der Infrastruktur auf dem tibetischen Hochland, der in vielerlei Hinsicht das empfindliche Ökosystem Tibets destabilisierte und die Wahrscheinlichkeit häufigerer und schwerwiegender Naturkatastrophen immer weiter erhöhte.
Die Sturzflut in Tibet und Nepal ist eine tragische Erinnerung daran, wie lebenswichtig es ist, Ressourcen nachhaltig, schonend für die Umwelt und vor allem in Einklang mit den enormen Naturgewalten des Himalaja zu nutzen. Im Gegensatz zu Pekings Top-down-Ansatz bieten die jahrhundertelange Bewirtschaftung und Fürsorge durch die Tibeter vor Ort ein alternatives und positives Modell des Umgangs mit der Natur und des Umweltrisikomanagements, das China dringend berücksichtigen muss.
Chinesische Großprojekte erhöhen Umweltrisiken in Tibet und der Region
Die auf dem maoistischen Leitsatz „der Mensch muss die Natur besiegen“ basierende Weltanschauung des chinesischen Regimes behandelt Tibet nicht als sensibles Hochland-Ökosystem oder heilige Landschaft, sondern als Territorium, das unterworfen und in den chinesischen Staat integriert werden soll. Seit den 1950er Jahren und insbesondere nach dem Jahr 2000 erfolgte eine dramatische Beschleunigung riesiger Infrastrukturprojekte durch den chinesischen Staat. Die Golmud-Lhasa-Eisenbahn wurde im Jahr 2006 fertiggestellt und später bis Shigatse verlängert. Für das Megaprojekt wurden der Permafrost und die hohen Pässe des Plateaus durch 36 Tunnel (7 zwischen Golmud-Lhasa und 29 auf dem Abschnitt Lhasa-Shigatse) durchbrochen. Heute durchqueren Autobahnen die Landschaft Tibets, während Hunderte von Wasserkraftwerken die Quellgebiete der wichtigsten Flüsse Asiens nutzen. Flughäfen, Hochspannungsleitungen, Bergbauanlagen und städtische Zersiedelung prägen die einzelnen Regionen immer stärker. Während solche Projekte von China offiziell mit Armutsbekämpfung, Modernisierung, nationaler Sicherheit und Umweltschutz begründet werden, dienen sie in Wirklichkeit dazu, die politische Kontrolle zu verschärfen, die Rohstoffe Tibets auszubeuten und die traditionelle tibetische Lebensweise zu verändern. Darüber hinaus schaffen sie erhebliche Umweltrisiken auch für die Nachbarländer.
Die Umweltschäden durch die von Peking rücksichtslos vorangetriebenen Infrastrukturprojekte sind beträchtlich. Die Bauarbeiten beeinträchtigen empfindliche alpine Ökosysteme, beschleunigen das Auftauen des Permafrosts und erhöhen das Risiko von Erdrutschen, Gletscherabbrüchen sowie Flutwellen durch den Ausbruch von Gletscherseen. Auf kultureller Ebene hat das Ausmaß des Wandels jenes tibetische Wissen an den Rand gedrängt, das lange Zeit die Harmonie mit der Natur betonte. Im Gegensatz zu der traditionellen Lebensweise und dem kulturellen Wissenssystems der Tibeter ist der chinesische Parteistaat von der tiefen Überzeugung geprägt, dass Technologie und staatliche Macht die Natur beherrschen können und sollen. In Tibet bestimmt diese KP-Ideologie weiterhin eine der weltweit massivsten Infrastrukturoffensiven und hinterlässt bleibende Spuren – sowohl in der Landschaft als auch bei den dort lebenden Tibetern.
Chinas rücksichtsloses Entwicklungsmodell geht auf Kosten von Mensch und Natur
Die Reichweite von Chinas Vorstellung, dass der Mensch die Natur bezwingen könne, erstreckt sich über die Ländergrenzen hinaus und verschärft die Risiken für das umfassendere Ökosystem des Himalaja. Die unmittelbare Umgebung des Langtang Lirung in Nepal ist hierfür ein Paradebeispiel: Sie hat sich zu einer aktiven Zone für den Ausbau der Wasserkraft entwickelt, in der chinesische Unternehmen aufgrund ihrer technischen Expertise beauftragt werden. In diesem Gebiet – entlang des Korridors Rasuwa–Bhotekoshi–Trishuli – entstehen zahlreiche Wasserkraftprojekte, die mit umfangreichen Tunnelbauarbeiten einhergehen. Die milliardenschwere China-Nepal-Eisenbahn (auch Kyirong-Kathmandu-Bahn genannt), die im Rahmen von Chinas „Neue Seidenstraße“-Initiative geplant wurde, soll sich quer durch die Gebirgszüge des Himalaja ziehen. Wie die Nepali Times unter Berufung auf eine chinesische Vorstudie berichtet, wird die Strecke unter dem nepalesischen Langtang-Nationalpark hindurchführen und Kyirong sowie Kathmandu über ein weitläufiges Tunnelsystem miteinander verbinden. Angesichts der jüngsten Überschwemmungen im Grenzgebiet zwischen Tibet und Nepal sollten Experten die Risiken eines derart ehrgeizigen und tief in die Umwelt eingreifenden Projekts kritisch hinterfragen; doch die Vorgaben des Pekinger Entwicklungsmodells dürften etwaige Bedenken leider überlagern.
Während die Welt noch den Schock über die jüngsten Überschwemmungen im Grenzgebiet zwischen Tibet und Nepal verarbeitet, gab die chinesische Regierung am 31. August die offizielle Inbetriebnahme des Wasserkraftwerks Shuangjiangkou bekannt. Das als weltweit höchste Talsperre angepriesene Megaprojekt entsteht am Fluss Gyalmo Ngulchu (Dadu) in Barkham, Provinz Sichuan. Die systemischen Risiken dieser Infrastrukturkette traten bereits am 11. November 2025 drastisch zutage, als der Einsturz der 758 Meter langen „Rote Flagge“-Brücke (chinesisch: Hongqi) weltweit für Schlagzeilen sorgte. Ursache für den Einsturz waren Erdrutsche, die durch den Wasseraufstau im Shuangjiangkou-Reservoir ausgelöst worden waren – dem fünften Bauwerk in einer gewaltigen Kaskade von 28 geplanten Talsperren entlang des Gyalmo Ngulchu.
Traditionelles Wissen und tibetische Lebensweise bieten notwendige und verlässliche Alternative
Traditionell funktionierte die tibetische Bewirtschaftung des Hochplateaus als eine Art „lebendiges System“ – ein hochentwickelter, dezentraler Ansatz des Ressourcenmanagements, das die Landschaft ohne störende bauliche Barrieren bewirtschaftete. Über Jahrtausende hinweg bewahrten tibetische Nomaden und klösterliche Gemeinschaften das empfindliche ökologische Gleichgewicht des tibetischen Hochlands durch rotierende Beweidung statt dauerhafter Abgrenzung durch Zäune. Durch das saisonale Umherziehen von Yak- und Schafherden verhinderten diese Bodenverdichtung, belüfteten die Erde und ermöglichte den Graslandschaften eine natürliche Regeneration. Wasserquellen und Wälder wurden durch heilige Benennung als Neri (heiliger Berg) geschützt, die als kulturell verankerte Naturschutzgebiete dienten. Dieser harmonische Ansatz schützte die Quellgebiete der wichtigsten asiatischen Flüsse und sicherte die Weideflächen ohne den Einsatz invasiver Infrastrukturprojekte, was verdeutlicht, dass die ökologische Stabilität auf der Erhaltung der natürlichen Landschaft und Geografie beruht und nicht auf dem Versuch, sie einzudämmen.
Im krassen Gegensatz dazu betrachtet der von China staatlich gelenkte Ansatz das tibetische Hochland als Fläche für riesige Infrastrukturprojekte, die dieses empfindliche Ökosystem förmlich zerstückeln. Unter dem Deckmantel der Modernisierung und der sogenannten „ökologischen Umsiedlung“ versucht Peking, sich die Landschaft durch Megastaudämme, weitläufige Drahtzäune, Tunnelbauten für Straßen und Bahnlinien sowie die Errichtung von Grenzsiedlungen aus Beton – sogenannter „Xiaokang-Dörfer“ – zu unterwerfen. Indem der chinesische Staat tibetische Nomaden und ihre Herden von traditionellen Weidegründen vertreibt und sie stattdessen zwingt, in festen Siedlungen zu leben, ersetzt er ein äußerst erfolgreiches System nachhaltiger Landnutzung durch starre bauliche und wirtschaftliche Grenzen. Die Folgen sind ökologisch verheerend: Die Zwangsumsiedlung Hunderttausender tibetischer Nomaden und die Einschränkung der Tierbewegungen durch Drahtzäune haben sogar zu lokaler Bodenerosion und Wüstenbildung geführt. Gleichzeitig stören massive Bauvorhaben – wie das Wasserkraftwerk Shuangjiangkou und umfangreiche Tunnelbauten für Himalaja-Bahnstrecken – die Wasserhaushalte und lösen verheerende Erdrutsche aus, wie der dramatische Einsturz der „Rote Flagge“-Brücke verdeutlicht. Dieses rücksichtslose Setzen auf Baumaßnahmen zulasten ökologischer Vernunft zeigt, wie schnell Infrastrukturprojekte, die von Chinas Führung verordnet werden, ein weltweit bedeutsames Ökosystem destabilisieren können.
Dass Peking den Bau von Staudämmen und Infrastruktur auf dem tibetischen Hochland einstellen wird, ist nicht zu erwarten. Versprechen Chinas als Klimasünder Nummer 1, „gemeinsam mit Nepal und der übrigen internationalen Gemeinschaft die Zusammenarbeit zu stärken sowie die negativen Auswirkungen des Klimawandels zu verhindern und abzumildern“ (veröffentlicht auf X), klingen wenig überzeugend. Vielmehr deutet es auf einen Wandel in der Darstellung hin: China wird seine Projekte und Vorgehensweisen als notwendige Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels deklarieren. Tatsächlich dient dieses Narrativ des Klimaschutzes bereits als Rechtfertigung für den Bau von Staudammkaskaden am östlichen Rand des tibetischen Hochlands – angeblich zum Schutz der flussabwärts lebenden Bevölkerung Chinas, während gleichzeitig die Tibeter in höher gelegenen Gebieten gefährdet werden. Auch der geplante Medog-Staudamm am Fluss Yarlung Tsangpo (Brahmaputra), der das weltweit größte Bauwerk seiner Art werden soll, könnte künftig im Rahmen von Pekings Vision einer „Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Zukunft für die Menschheit“ als Projekt zur Stärkung der Klimaresilienz dargestellt werden – angeblich, um die flussabwärts gelegenen Länder zu schützen.
Internationaler Druck auf China notwendig
Die Alternative zu Chinas rücksichtslosem Modell der „Beherrschung der Natur“ – nämlich die auf lokaler Ebene verankerte, verantwortungsvolle Bewirtschaftung ihres Landes durch die Menschen – hatte sich über Jahrhunderte hinweg in Tibet bewährt. Diese tibetische Lebensweise fördert Nachhaltigkeit und ökologische Widerstandsfähigkeit und ermöglicht zugleich, das sensible Ökosystem in Tibet zu schützen und seine Ressourcen behutsam zu nutzen. Die verheerenden Überschwemmungen und Zerstörungen der Sturzflut sind eine tragische Mahnung, dass die Umweltrisiken in der Himalaja-Region stetig zunehmen. Sie verdeutlichen zudem, wie wichtig es ist, dass die chinesische Führung ihr rücksichtsloses Entwicklungsmodell für das tibetische Hochplateau und die gesamte Region grundlegend überdenkt. Die internationale Gemeinschaft – und insbesondere die Anrainerstaaten – sollten die chinesische Regierung dazu drängen, ihren Kurs zu ändern, für mehr Transparenz zu sorgen und mit den Tibetern und dem gesamten Himalaja-Raum zusammenzuarbeiten; denn diese verfügen über das nötige Fachwissen, um mit den Naturgewalten des Himalaja bestmöglich umzugehen und in Harmonie mit der Umwelt zu leben. Wie die Ereignisse vom 26. August zeigen, ist dieser Appell dringender denn je.
Bild oben: Die Aufnahmen einer Überwachungskamera am Grenzübergang zwischen Tibet und Nepal vermitteln einen Eindruck von der katastrophalen Wucht der Sturzflut. Veröffentlicht unter Wikimedia Commons/Public Domain.
