Tibetische Kinder
in Tibet können von
so etwas nur träumen

 

Foto: Kateřina Bursíková Jacques**

In der Ukraine lernen Kinder, die den Krieg erleben, mithilfe von „Social, Emotional and Ethical Learning“ (SEE Learning*), mit Stress umzugehen, ihre Gefühle zu verstehen und psychische Widerstandskraft zu entwickeln. Dieses Bildungsprogramm wurde von der Emory University entwickelt, es basiert auf der Vision Seiner Heiligkeit des Dalai Lama und entstand mit seiner Unterstützung.

Seit dem großangelegten russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 berichten Eltern von Anzeichen psychischer Traumatisierung bei ihren Kindern, während die Schulen zugleich mit einem enormen Bedarf an psychologischer Unterstützung zu kämpfen haben. Durch SEE Learning erwerben Kinder Fähigkeiten, die ihnen helfen, schwierige Emotionen zu bewältigen, Stress zu regulieren und ihre Beziehungen zu anderen zu stärken.

Als Tibeterin im Exil finde ich es inspirierend zu sehen, wie diese Lehren Kindern zugutekommen, die Tausende Kilometer von Tibet entfernt in einem Konfliktgebiet leben. Gleichzeitig konnte ich nicht umhin, dies mit den verstörenden Bildern zu vergleichen, die ich kürzlich von tibetischen Schulkindern in Tibet gesehen habe: Kinder in Uniformen im Militärstil, die im Namen der Bildung politischer Indoktrination und militärischem Training unterzogen werden.

Dies verdeutlicht den scharfen Gegensatz zwischen den Ideen, die durch den Dalai Lama weltweit Kindern zugutekommen, und den Erfahrungen tibetischer Kinder in Tibet unter der repressiven Herrschaft Chinas.

Bildung für Herz und Verstand

SEE Learning wurde von der Emory University entwickelt und beruht auf der Vision Seiner Heiligkeit, universelle menschliche Werte in die Bildung zu integrieren. Das Curriculum richtet sich an Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis neunzehn Jahren und umfasst die gesamte Bildungszeit von der frühen Kindheit bis zur Sekundarstufe. Zu den Themen gehören Resilienz, gegenseitige Abhängigkeit, Mitgefühl und der Umgang mit Emotionen.

Seine Heiligkeit unterstützte die Entwicklung des Programms, das 2015 in eine Pilotphase eintrat und 2019 offiziell international eingeführt wurde. Bei der Vorstellung des Programms sagte er:

„Die Ergebnisse dieses Programms und Lehrplans werden nicht bereits nächste Woche sichtbar sein, sondern erst in der nächsten Generation, wenn wir möglicherweise mitfühlendere Menschen sowie glücklichere Individuen und Familien erleben werden.“

Er sprach außerdem über die Notwendigkeit, ein Bewusstsein für die gegenseitige Verbundenheit aller Menschen zu fördern, insbesondere angesichts globaler Herausforderungen wie dem Klimawandel, und plädierte für eine ausgewogenere „Bildung von Herz und Verstand“.

Inzwischen wird SEE Learning in Bildungseinrichtungen in Nord- und Südamerika, Europa, Afrika und Asien eingesetzt. Das Beispiel Ukraine zeigt, wie diese Prinzipien zu praktischen Werkzeugen für Kinder werden können, die außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt sind.

Umsetzung in der Ukraine

In der Ukraine wird SEE Learning über das Projekt SEEN vermittelt, das von EdCamp Ukraine gemeinsam mit der Emory University und dem ukrainischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft erprobt wird. Während des Krieges hat das Programm Schüler, Lehrkräfte und ganze Gemeinschaften unterstützt.

Studien zeigen, dass das Programm den Schülerinnen und Schülern geholfen hat, Stress abzubauen und stärkere Beziehungen zu ihren Mitschülern aufzubauen. Lehrkräfte berichten zudem, dass die durch das Programm vermittelten Fähigkeiten mit Beginn des Krieges unerwartet wichtig geworden seien.

Eine Lehrkraft erklärte: „Was ich im SEEN-Kurs gelernt habe, ist das Bewusstsein für die Bedeutung der Selbstregulation. In den schwierigsten Momenten, Stunden und Tagen halte ich mich wie an einem Rettungsseil an meinen psychischen Ressourcen fest. Ich erinnere mich an die schönsten Momente meines Lebens und versetze mich gedanklich an Orte, an denen ich glücklich war. Das wiederhole ich heute gemeinsam mit den Kindern. Es beruhigt mich und gibt mir Kraft. SEEN hat mir gezeigt, dass Mitgefühl mit sich selbst nicht egoistisch ist, sondern normal und in Kriegszeiten lebenswichtig.“

Die positiven Ergebnisse der Pilotphase wurden dem ukrainischen Bildungsministerium vorgelegt, und das Programm wurde anschließend weiter ausgebaut. Natürlich kann letztlich nur das Ende des Krieges dauerhafte Erleichterung für die Kinder bringen. SEE Learning hilft ihnen jedoch dabei, Traumata zu bewältigen und Fähigkeiten zu entwickeln, die weit über den Krieg hinaus von Bedeutung sind.

Zu beobachten, wie dieses Programm Kindern in der Ukraine hilft, ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie die tibetische Kultur und Religion unsere Welt bereichern können. Zugleich bestätigt es das, wofür Seine Heiligkeit seit Jahrzehnten eintritt: Bildung sollte nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein gegenüber anderen fördern.

Eine völlig andere Form der Bildung für tibetische Kinder in Tibet

Gerade deshalb ist die Situation tibetischer Kinder in Tibet so schmerzlich. Die Bilder tibetischer Schulkinder bei quasi-militärischen Übungen stehen für ein grundlegend anderes Verständnis von Kindheit und Bildung. Sie sind Teil einer umfassenderen Assimilationspolitik der Kommunistischen Partei Chinas, die darauf abzielt, die tibetische Identität zu verdrängen. Diese Entwicklung hat wiederholt Besorgnis bei Menschenrechtsorganisationen und Experten der Vereinten Nationen hervorgerufen.

Nach Ansicht vieler Beobachter verletzen diese Zwangsmaßnahmen die Rechte tibetischer Kinder. China hat die UN-Kinderrechtskonvention 1992 ratifiziert. Die Konvention schützt die Rechte von Kindern unter anderem in den Bereichen Bildung, Familienleben, Kultur, Religion und Sprache. Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes hat betont, dass Bildung die Entwicklung der Persönlichkeit und Fähigkeiten eines Kindes fördern und zugleich die kulturelle Identität, Sprache und Werte des Kindes respektieren soll.

Bei seiner Überprüfung Chinas im Jahr 2013 äußerte der Ausschuss Besorgnis über die Diskriminierung tibetischer und uigurischer Kinder im Bildungssystem, über Einschränkungen beim Gebrauch und der Förderung der tibetischen Sprache in Schulen sowie über Berichte zu Schulschließungen und der Inhaftierung von Lehrkräften. Außerdem wurden Bedenken hinsichtlich der Religionsfreiheit tibetischer Kinder und anderer grundlegender Rechte geäußert.

Neuere Warnungen von UN-Experten zu staatlich betriebenen Internatsschulen zeigen, weshalb internationale Aufmerksamkeit weiterhin notwendig ist.

Wenn Chinas Einhaltung der Kinderrechtskonvention erneut überprüft wird, sollte die internationale Gemeinschaft genau untersuchen, ob tibetische Kinder ihre Rechte auf Bildung, Familienleben, Sprache, Kultur und Religion tatsächlich wahrnehmen können.

SEE Learning zeigt, was Bildung leisten kann: Kindern zu helfen, sich selbst und andere besser zu verstehen, Resilienz und Mitgefühl zu entwickeln und ihre Verbundenheit mit der Welt zu erkennen.

Kinder in der Ukraine profitieren bereits von dieser Vision. Tibetische Kinder in Tibet verdienen ebenfalls eine Bildung, die ihnen ermöglicht, sich frei zu entfalten – eine Bildung, die ihre Sprache, ihre Familien, ihre Religion und ihre kulturelle Identität respektiert.

 

* „SEE Learning“ steht für das Konzept des Sozialen, Emotionalen und Ethischen Lernen, das auch an den Schulen der tibetischen Kinderdörfer (TCV) in Indien zum Einsatz kommt. Neben der akademischen Bildung setzen die TCV-Schulen damit ganz bewusst auf die Entwicklung von Mitgefühl, moralischen Werten, Gemeinschaftssinn und tibetischer Identität. Zu verdanken ist dies in wesentlichen Teilen dem Dalai Lama. Er war der zentrale Ideengeber für die Entstehung von „SEE Learning“, das auf seine langjährige Zusammenarbeit mit der Emory University im US-Bundesstaat Georgia zurückgeht. Das persönliche Engagement des Dalai Lama trug wesentlich dazu bei, dem Programm weltweit Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit zu verschaffen.

** Tibetische Schulkinder im Kinderdorf nahe Dharamsala in Nordindien: Die beiden Jungen schauen sich gerade ein Buch des Dalai Lama an, das den deutschen Titel „Lass die Liebe wachsen – Meine Kindheit in Tibet“ trägt. (Foto: Kateřina Bursíková Jacques)

 

Jangchup Cohen ist Stipendiatin des „Lodi Gyari Fellowship Programms“ der International Campaign for Tibet; sie arbeitet im Berliner Büro der Organisation.

 

 

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