ICT-Interview mit
«Schneelöwe»-Träger
Lobsang Monlam

 

Foto: Andreas Müller/ICT

Am 25.10.2025 erhielt Geshe Lobsang Monlam in Berlin den Menschenrechtspreis „Schneelöwe“ der International Campaign for Tibet. Der Gründer und Leiter des Monlam Tibetan IT Research Centre setzt sich seit vielen Jahren für den Erhalt der bedrohten tibetischen Sprache und Kultur ein. Der tibetische Mönch und Wissenschaftler veröffentlichte 2022 gemeinsam mit seinem Team aus mehr als 150 Redakteuren und Mitarbeitern vor Tausenden von Menschen im Tsuklagkhang-Tempel im indischen Dharamsala das erste große Wörterbuch in tibetischer Sprache.

Das „Grand Monlam Tibetan Dictionary“ mit Definitionen für bisher mehr als 360.000 Wörter in tibetischer Sprache ist inzwischen auch als digitales Wörterbuch sowie per App nutzbar und umfasst in Buchform 223 Bände. Aktuell arbeitet Geshe Lobsang Monlam daran, den Dalai Lama mit Hilfe von KI unsterblich zu machen. Seine Vision: eine künstliche Intelligenz zu entwickeln, die die Stimme, die Gedanken und Lehren des Dalai Lama wieder- und weitergibt. Für Monlam keine Spielerei, sondern eine Überlebensstrategie: „Wenn wir es schaffen, den Dalai Lama zu erhalten, bewahren wir auch die Tibet-Bewegung“, davon ist er überzeugt. Im Nachgang der „Schneelöwe“-Preisverleihung fand Geshe Lobsang Monlam die Zeit, einige Fragen für uns zu beantworten.

ICT: Welche Bedeutung hat der Menschenrechtspreis „Schneelöwe“ für Ihre Arbeit und für Sie persönlich?

Geshe Lobsang Monlam: Diese Auszeichnung ist in vielerlei Hinsicht bedeutsam. Für mich persönlich ist sie eine Bestätigung für jahrelanges Engagement, Opferbereitschaft und Einsatz. Vor allem aber nehme ich sie im Namen meiner Kollegen, Wissenschaftler und Unterstützer entgegen, die unermüdlich mit uns zusammengearbeitet haben.

Lobsang Monlam erhielt seinen „Schneelöwen“ aus der Hand von Richard Gere, dem Internationalen Vorstandsvorsitzenden von ICT. (Foto: Andreas Müller/ICT)

Diese Anerkennung erinnert uns daran, dass es bei unserer Arbeit nicht nur um Sprache oder Kultur geht, sondern dass sie im Grunde genommen auch ein Einsatz für die Menschenrechte ist. Der Grund dafür, dass die Tibeter ins Exil gegangen sind, war es, unsere Identität, unsere Kultur und unser grundlegendes Menschenrecht, als eigenständiges Volk zu existieren, zu bewahren.

Diese Auszeichnung stärkt unsere Glaubwürdigkeit in der tibetischen Gemeinschaft und darüber hinaus. Sie gibt uns moralische Stärke, institutionelle Anerkennung und größere Sichtbarkeit. Durch die Beteiligung von Richard Gere und die starke Medienberichterstattung in Europa hat diese Auszeichnung auch dazu beigetragen, ein viel breiteres Publikum für unsere Arbeit zu sensibilisieren. In vielerlei Hinsicht hat sie Türen für ein größeres Engagement, Partnerschaften und Unterstützung für die Erhaltung der tibetischen Sprache und Kultur geöffnet.

ICT: Ihr „Großes Tibetisches Wörterbuch“ umfasst sage und schreibe 223 Bände. Mit mehr als 360.000 Einträgen ist es sogar umfangreicher als das Wörterbuch der Gebrüder Grimm (das größte Wörterbuch auf Deutsch). Wer gab den Anstoß dazu und wie viele Menschen haben wie lange daran mitgearbeitet?

Geshe Lobsang Monlam: Das Große Tibetische Wörterbuch spiegelt die außergewöhnliche Tiefe und den Reichtum der tibetischen Sprache wider, nicht nur in sprachlicher, sondern auch in kultureller, philosophischer und spiritueller Hinsicht. Es deckt jedoch nur 60 % der tibetischen Sprache und Kultur ab, und wir arbeiten weiterhin daran, es zu erweitern.

Das Projekt wurde 2015 offiziell gestartet und über neun Jahre hinweg arbeiteten mehr als 150 Vollzeitwissenschaftler zusammen, die alle wichtigen tibetisch-buddhistischen Traditionen und Sprachschulen vertraten. Wir bildeten über 35 spezialisierte Wissenschaftlerteams, um verschiedene Wissensbereiche abzudecken. Da die tibetische Sprache jahrhundertelanges Wissen aus Literatur, Philosophie, Geschichte, Medizin, Logik und Spiritualität in sich trägt, wurde das Wörterbuch natürlich sehr umfangreich.

Auch heute noch arbeiten mehr als 30 Wissenschaftler in Vollzeit daran, es zu aktualisieren und zu erweitern. Das Wörterbuch wird heute nicht nur von Tibetern, sondern auch von internationalen Forschern, Übersetzern und Pädagogen genutzt. Bis 2019 war es auch innerhalb Tibets weit verbreitet, wurde dann jedoch etwa auf den mobilen Systemen von Apple teilweise gesperrt. Aber selbst dann haben wir Alternativen geschaffen, um den weiteren Zugang zu gewährleisten.

Der „Schneelöwe“-Preisträger bei seiner Dankesrede. Foto: Andreas Müller/ICT

ICT: Welche Rolle spielt das Wörterbuch für die Tibeter insgesamt? Wissen die Menschen in Tibet, dass Ihr Wörterbuch existiert, und haben sie Zugang dazu?

Geshe Lobsang Monlam: Das Wörterbuch spielt sowohl als kulturelles Archiv als auch als lebendige Wissensquelle eine wichtige Rolle. Für viele Tibeter, insbesondere für die jüngeren Generationen, ist es nicht nur ein Nachschlagewerk, sondern auch eine Brücke zu ihrem kulturellen Erbe. Es bietet Zugang zu fundiertem Wissen über Sprache, buddhistische Philosophie, Literatur und traditionelle Wissenschaften.

Wichtig ist, dass es offline funktioniert, was es für Nutzer innerhalb Tibets besonders wertvoll macht. Viele Menschen dort laden es einmal herunter und können es dann ohne Internetverbindung nutzen. Während der jüngsten 3. Monlam Manifest-Veranstaltung (Anfang November in Dharamsala) haben wir die aktualisierte digitale Version vorgestellt, und die meisten neuen Nutzer kamen aus Tibet, was ein sehr ermutigendes Zeichen ist.

Heute gilt es als das größte und maßgeblichste tibetische Wörterbuch, das jemals erstellt wurde, sowohl innerhalb als auch außerhalb Tibets. Es ist auf Android verfügbar und da es online und offline genutzt werden kann, erreicht es weiterhin Tibeter weltweit, einschließlich derjenigen innerhalb Tibets.

ICT: Mit Ihren Projekten wollen Sie die tibetische Sprache und Kultur für die Zukunft erhalten? Was könnte dieses Ziel gefährden? Ist es allein die Politik der chinesischen Machthaber?

Geshe Lobsang Monlam: Unsere Arbeit ist nicht politisch, sondern dient der Bewahrung unserer Kultur und ist ein Dienst an unserer Identität und unseren zukünftigen Generationen. Auch wenn bestimmte externe politische Maßnahmen restriktiv sein können, besteht das größte Risiko tatsächlich darin, dass wir aufgrund der Zeit, moderner Ablenkungen und des Verlusts an Relevanz die Verbindung zu unserer eigenen Sprache und unserem Erbe verlieren.

„Schneelöwe“-Preisträgerin Dr. Sophie Richardson applaudiert Preisträger Geshe Lobsang Monlam. Foto: Andreas Müller/ICT

Am besorgniserregendsten sind jedoch die bewussten und gezielten Bemühungen der chinesischen Politik. Deshalb konzentrieren wir uns auf die Dokumentation, Digitalisierung und die Entwicklung von Tools, die den Menschen helfen, die tibetische Sprache im Alltag zu verwenden. Unser Ziel ist es, alle tibetischen Ressourcen zu bewahren, zu organisieren und weltweit zugänglich zu machen, wenn möglich auch in Tibet.

Wir sind entschlossen, diese Arbeit fortzusetzen und dabei Technologie, Bildung und Innovation einzusetzen, um eine langfristige Bewahrung zu gewährleisten. Unabhängig von den Herausforderungen ist es unsere Verantwortung, weiterhin nach Wegen zu suchen, um unsere Sprache und Kultur zu schützen und weiterzugeben.

ICT: Kann moderne Technik und insbesondere KI dazu beitragen, dass der Versuch der chinesischen Machthaber, Tibets Sprache und Kultur auszulöschen, scheitert?

Geshe Lobsang Monlam: Ja, wir können KI definitiv nutzen, um den Versuch der chinesischen Machthaber, unsere Sprache und Kultur auszulöschen, zu vereiteln. Wir sind fest davon überzeugt, dass es dank dem intelligenten Einsatz von KI unmöglich ist, die tibetische Sprache und Kultur auszulöschen.

KI gibt uns leistungsstarke Werkzeuge an die Hand, um tibetisches Wissen zu archivieren, zu übersetzen, zu lehren und zu verbreiten, nicht nur unter Tibetern, sondern unter allen Menschen weltweit. Sie ermöglicht es uns, Bildungsressourcen in tibetischer Sprache zu erstellen, modernes Wissen ins Tibetische zu übersetzen und selbst kleine Gruppen von Menschen in die Lage zu versetzen, enorme Mengen an Informationen mit hoher Qualität und Genauigkeit zu bewahren.

Gruppenbild mit „Schneelöwen“: ICT-Präsidentin Tencho Gyatso, Preisträger Geshe Lobsang Monlam, ICT-Chairman Richard Gere, Sabine Bömmer (Vorstandsvorsitzende von ICT Deutschland) und ICT-Geschäftsführer Kai Müller. Foto: Andreas Müller/ICT

Es mag eine Zeit kommen, in der große KI-Systeme blockiert werden, aber genau deshalb entwickeln wir auch kleinere, offline verfügbare KI-Modelle, die auf mobile Geräte und lokale Server passen. Diese werden Tibetern selbst in abgelegenen Gebieten helfen, Zugang zu Wissen zu erhalten, zu arbeiten, zu kommunizieren und vollständig in ihrer eigenen Sprache zu lernen.

KI gibt uns die Möglichkeit, den Zugang zu Sprache und Kultur zu demokratisieren und die tibetische Sprache im täglichen Leben, in der Bildung, in der Forschung und sogar in der beruflichen Arbeit nutzbar zu machen. Damit können wir sicherstellen, dass unsere Sprache und Kultur auch in Zukunft weiterbestehen und wachsen wird.

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