Die ökologischen Risiken
der chinesischen Dämme
sind gravierend
Quelle: Global Times/Xinhua
Die Volksrepublik China treibt seit Jahren den Ausbau ihrer Wasserkraftkapazitäten voran – insbesondere in Tibet, wo einige der größten Flüsse Asiens entspringen. Der jüngste Bau eines Mega-Staudamms am Yarlung Tsangpo-Fluss im Südosten Tibets markiert einen neuen Höhepunkt dieser Entwicklung. Mit einer geplanten Kapazität von rund 70 Gigawatt soll dieser Staudamm mehr als die Gesamtkapazität Polens erzeugen. Die Dimensionen dieses Projekts sind ökologisch und geopolitisch höchst bedenklich.
Die International Campaign for Tibet (ICT) warnt in ihrem Bericht „Chinese Hydropower: Damning Tibet’s Culture, Community, and Environment“ eindringlich vor den Folgen dieser Politik. Seit dem Jahr 2000 wurden über 193 Staudämme in Tibet gebaut oder befinden sich im Bau, viele davon in ökologisch sensiblen und kulturell bedeutenden Regionen. Der Bau des Khamtok-Damms in Derge in Zentraltibet etwa führt zur Vertreibung Tausender Tibeter und zur Zerstörung jahrhundertealter Klöster. ICT fordert daher einen sofortigen Baustopp aller Großprojekte und eine politische Lösung, die sich zentral am Recht der Tibeter auf Selbstbestimmung orientiert. Das bedeutet, dass die Tibeter auch über ihre natürlichen Ressourcen selbst bestimmen können.
Indien warnt vor einem möglichen „Wasserkrieg“
Die ökologischen Risiken sind gravierend. Tibet gehört zu den artenreichsten Regionen und ist zugleich durch seine Höhenlage besonders anfällig für klimatische Veränderungen. Der Bau von Mega-Staudämmen in erdbebengefährdeten Gebieten um den Yarlung Tsangpo erhöht die Gefahr von Naturkatastrophen und langfristigen Umweltschäden. Zudem gefährdet die Stauung der Flüsse die Wasserversorgung von bis zu 1,8 Milliarden Menschen in China, Indien, Bangladesch und Südostasien. Indien hat bereits Bedenken geäußert und warnt vor einem möglichen „Wasserkrieg“.
Die chinesische Regierung rechtfertigt ihre Projekte mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2060. Doch ICT kritisiert diese Argumentation als irreführend. Der Bau solcher Großanlagen erfolgt ohne Rücksicht auf lokale Gemeinschaften, kulturelles Erbe und ökologische Nachhaltigkeit. ICT fordert daher auch die deutsche Bundesregierung auf, sich klar gegen diese Politik zu positionieren. Sie kann das tun etwa in den Dialogen mit der chinesischen Regierung über Umwelt- und Klimafragen.
Aber nicht nur die Politik ist gefordert. Auch Umweltorganisationen weltweit müssen sich kritisch zu den Staudammprojekten in Tibet äußern – nicht zuletzt, um ihrer eigenen Glaubwürdigkeit gerecht zu werden. Wer sich für Klimaschutz, Biodiversität und Menschenrechte einsetzt, darf zu den ökologischen und sozialen Folgen dieser Megaprojekte nicht schweigen. Die tibetische Hochebene ist nicht nur ein ökologisches Rückgrat Asiens, sondern auch ein kulturelles Erbe, das durch den rücksichtslosen Ausbau der Wasserkraft akut bedroht ist.
Das Schweigen großer Umweltorganisationen ist laut und vernehmlich
Doch während Parlamente – zwar spät – beginnen, sich mit der Thematik zu befassen, ist das Schweigen großer Umweltorganisationen laut und vernehmlich. Dabei verfügen etwa Greenpeace und der WWF über Büros in China. Und müssten daher in Kenntnis sein über die verheerenden Pläne Chinas in Tibet – wahrscheinlich besser als viele andere. Konsultiert man indes die Webseiten von Greenpeace und WWF, was liest man dort über den Mega-Damm am Yarlung Tsangpo oder über den Khamtok-Damm in Derge: nichts.
Die Umweltbewegung muss sich selbstkritisch fragen, ob sie bereit ist, auch dort aktiv zu werden, wo eine autokratische Einparteienherrschaft Kritik an ihrer Politik zu unterbinden sucht. Schweigen aus strategischer Vorsicht darf nicht zur Normalität werden, wenn grundlegende ökologische und menschenrechtliche Prinzipien verletzt werden. Die tibetische Hochebene ist ein ökologisches Rückgrat Asiens – ihr Schutz sollte ein zentrales Anliegen aller sein, die sich für eine gerechte und nachhaltige Zukunft einsetzen.
Autor: Kai Müller, Geschäftsführer der International Campaign for Tibet

