ICT-Interview mit dem
chinesischen Künstler
Liao Yiwu

 

Foto: Andreas Müller/ICT

Am 25.10.2025 verlieh ICT in Berlin den Menschenrechtspreis „Schneelöwe“ an Dr. Sophie Richardson und Geshe Lobsang Monlam. Wie bereits in den vergangenen Jahren war es auch bei dieser „Schneelöwe“-Preisverleihung einem Künstler vorbehalten, eine weitere Tonlage ins Spiel zu bringen. Der unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete chinesische Schriftsteller und Musiker Liao Yiwu sorgte mit seinem musikalischen Beitrag für Begeisterung, aber auch für Nachdenklichkeit.

Sein erstes Stück „Lied der Selbstanzündung“ widmete er den zahlreichen Tibetern, die sich bisher aus Protest selbst verbrannt haben. Begleitet wurde Liao Yiwus Auftritt dabei von den Erläuterungen und Übersetzungen der Autorin Angela Hsu sowie einer Gedichtrezitation des Berliner Autors Malte Kiessler. Im Nachgang der „Schneelöwe“-Preisverleihung gewährte Liao Yiwu ICT ein ausführliches Interview.

 

ICT: Welches Verhältnis haben Sie zu Tibet und den Tibetern?

Liao Yiwu: Ich hatte die Ehre, Seine Heiligkeit den Dalai Lama und Seine Heiligkeit den Karmapa mehrfach zu treffen, sowohl privat als auch öffentlich. Ich habe den Karmapa auch in Dharamsala besucht. Er folgte den Spuren des Dalai Lama und suchte Zuflucht in Indien. Er ist ein Dichter und Musiker. Schon vor meinem eigenen Exil bewunderte ich seine Musik – diese mystische, klangvolle Stimme. Ich hege die Hoffnung, eines Tages mit Seiner Heiligkeit an einem Musikprojekt zusammenzuarbeiten. Das wäre absolut faszinierend, heilig und bezaubernd.

Außerdem lese ich immer wieder von Neuem die Autobiografie Seiner Heiligkeit des Dalai Lama, „Mein Leben und mein Volk“. Aus literarischer Sicht ist sie nach wie vor unübertroffen. Aber (er lacht) das ist eine gewaltige Frage – genug Stoff für ein ganzes Buch. Daher erstmal nur so viel.

ICT: In Ihren Liedern und Ihren Schriften haben Sie sich mehrfach zu Tibet geäußert. Hatten Sie schon einmal die Gelegenheit, nach Tibet zu reisen?

Liao Yiwu: Als ich etwa zwanzig war, arbeitete ich als Lkw-Fahrer auf den Straßen zwischen Sichuan und Tibet. Ich reiste mehrmals im Jahr nach Tibet, allerdings nicht zum Vergnügen, sondern um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das dritte Kapitel meines Romans „Die Liebe in Zeiten Mao Zedongs“, den ich heimlich im Gefängnis geschrieben habe, spielt in Tibet.

Liao Yiwu spielt auf einer traditionellen chinesischen Bambusflöte. Während seiner Zeit in chinesischer Haft brachte ihm ein Mitgefangener, ein buddhistischer Mönch, das Flöte-Spielen bei. (Foto: Andreas Müller/ICT)

Das 2023 bei S. Fischer auf Deutsch erschienene Werk fand großen Anklang bei den deutschen Lesern. Es schildert die Kulturrevolution in Tibet und beschreibt unter anderem, wie die Lehren des Dalai Lama heimlich aus Indien nach Tibet geschmuggelt wurden. Die Kritiker waren voll des Lobes.

ICT: Sie sind sowohl Schriftsteller als auch Musiker. Welche Möglichkeiten, sich auszudrücken, bietet Ihnen die Musik, die Sie als Autor nicht haben?

Liao Yiwu: Meine Literatur wird oft von Musik inspiriert und weist in ihrer Struktur viele Ähnlichkeiten mit tibetischen Gesängen auf. Ähnlich wie Seine Heiligkeit der Dalai Lama, der sowohl ein erhabener Weiser als auch ein versierter Biograf ist, und dessen beschreibende Fähigkeiten die vieler renommierter Autoren weit übertreffen, bin ich unendlich fasziniert von den Karma-Kagyü-Gesängen der Lieder des Milarepa.

Auch die tibetische Volksmusik und die heiligen Melodien der tibetischen Klöster sind wichtige Quellen meiner Inspiration. Den meisten Schriftstellern dieser Welt fehlt diese musikalische Begabung.

ICT: Als Sie im Jahr 2012 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurden, sprachen Sie in Ihrer Dankesrede von der „Notwendigkeit, das chinesische Imperium zu zerschlagen“. Welche Reaktionen haben Sie darauf erhalten? Kennen Sie Chinesen, die Ihnen in diesem Punkt zustimmen? Und halten Sie immer noch an diesem Gedanken fest?

Liao Yiwu: Eine intensive Abneigung gegen die kommunistische Diktatur, gepaart mit den Erinnerungen an das Massaker auf dem Tiananmen-Platz im Juni 1989 und das Massaker in Lhasa im Mai 1989, veranlassten mich, „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen“ zu schreiben und zu veröffentlichen. Ich betrachte mich nicht als Chinese, sondern als Sichuanese.

Liao Yiwu begleitet seinen Gesang mit einer Klangschale. (Foto: Andreas Müller/ICT)

Ich koche Sichuan-Küche und ich trinke die dazu passenden Getränke. Meine kulinarischen Erfahrungen habe ich in meine Bücher einfließen lassen, was die Leser begrüßt haben. 2013 veröffentlichte ich bei S. Fischer „Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch“, das ebenfalls sehr gut aufgenommen wurde – nichts davon hat etwas mit China zu tun.

Ich bin auch heute noch fest davon überzeugt: Sehen Sie sich an, wie Xi Jinpings China und Putins Russland die Welt an den Rand eines dritten Weltkriegs gebracht haben. Würde China in Dutzende von Nationen zerfallen und Russland ebenfalls in Dutzende von Staaten zerfallen, hätten sie keine Macht mehr, westliche Demokratien zu bedrohen oder ihre eigenen Völker zu unterdrücken!

ICT: Wie bewerten Sie den Versuch der Machthaber in Peking, die Religion ihrer Kontrolle zu unterwerfen? Alle Religionsgemeinschaften, und damit auch der tibetische Buddhismus, sollen so zu Stützen des kommunistischen Regimes werden.

Liao Yiwu: Ich bin ein Schriftsteller, der Zeugnis ablegt. Alle Handlungen der Behörden in Peking sind meiner Meinung nach nicht der Rede wert, denn jede Diktatur ist aus kultureller Sicht Abschaum. Sie zu kommentieren würde meinen Mund beschmutzen.

ICT: Wie lange noch, glauben Sie, wird sich das KP-Regime in Peking an der Macht halten können?

Liao Yiwu: Was die Langlebigkeit angeht, so werden die Schriften Seiner Heiligkeit des Dalai Lama, die Musik und Gedichte Seiner Heiligkeit des Karmapa und ihre Methoden, die Schriften und die Geschichte zu erläutern, weit länger Bestand haben als die Kommunistische Partei. Bei meinem ersten privaten Treffen mit Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama teilte er mir ähnliche Gedanken mit und schloss mit den Worten: „Haben Sie Vertrauen!“

 

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