International Campaign for Tibet
 

Umwelt

Das Hochland Tibets- ein äußerst fragiles Ökosystem. Foto: NASA.

Seit Jahren blicken internationale Wissenschaftler und Umweltexperten mit Sorge nach Tibet, wo Klimawandel und eine fehlende Umweltpolitik durch die chinesische Regierung tiefe Einschnitte in die Ökologie zur Folge haben. Die Konsequenzen dieser Veränderungen machen sich nicht nur im Hochland selbst bemerkbar, sondern reichen bis in die Nachbarstaaten Zentral- und Südostasiens.

Die Einzigartigkeit und Bedeutung, aber auch die Sensibilität des tibetischen Hochlandes wird oft anhand metaphorischer Beschreibungen wie „Dritter Pol“, „Wasserhaus Asiens“ oder „Barometer für das Weltklima“ symbolisiert. Mit seinen 2,5 Millionen qkm ist es das weitläufigste und zugleich höchste Plateau der Welt und umfasst die größte Eisfläche außerhalb der Polarregionen.  Rund 1/6 der weltweiten Gletscher finden sich in den tibetischen Höhen des Himalaya und tragen zur Regulation der Wasserläufe in ganz Asien bei. Doch nicht nur deshalb ist die Bedeutung des Hochlandes unter Experten seit langem unumstritten. Auch seine Artenvielfalt, die ökologischen Prozesse und Entwicklungsphänomene begründen die Notwendigkeit des Erhalts dieses einzigartigen Beispiels an Biodiversität. Ist das tibetische Hochland in der Vergangenheit aufgrund seiner Entlegenheit und Unzugänglichkeit weitgehend unberührt geblieben, so haben Klimawandel und der zunehmende Einfluss des Menschen das Gleichgewicht auf dem Dach der Welt mittlerweile empfindlich gestört und sichtbare Folgen hinterlassen.

Folgen der Erwärmung

Laut NASA-Bericht war im Verlauf der letzten 40 Jahre ein Gletscherschwund von 20% zu verzeichnen und in den Prognosen für die kommenden 40 Jahre wird deutlich, dass dieser gefährliche Trend anhalten und auch die Hälfte der noch vorhandenen Eisschicht abschmelzen wird. Mit einem jährlichen Temperaturanstieg von 0,32 Grad  im Messzeitraum zwischen 1961 und 2008 zeigt sich auf dem tibetischen Plateau ein deutlich höherer Wert als es im globalen Durchschnitt mit 0,2 Grad der Fall ist. Er signalisiert, dass die Region besonders empfindlich für die Veränderungen des Klimas ist. Verstärkend auf den Schmelzprozess wirken darüber hinaus Ablagerungen von Schwarzem Ruß, welche laut James Hansen vom Goddard Institute for Space Studies (GISS) der NASA in New York City vermutlich für die Hälfte des Gletscherschwunds verantwortlich sind. Der von Industrie und Verkehr ausgestoßene Kohlenstaub verhindert eine Reflektion des Sonnenlichts und begünstigt dessen Absorption. Dieses wiederum führt zur Erwärmung des Eises.

Mount Everest mit Khumbu Gletscher. Foto: NASA.

Als Resultat des Temperaturanstiegs ist seit Jahren ein Vorrücken der Vegetationsperiode zu beobachten. Weiterhin kommt es mit dem Schmelzen der Eismassen zum Anstieg der Wasserstände in den Flüssen sowie zu Gletscherseeausbrüchen, Überschwemmungen und Erdrutschen in den schmalen Gebirgstälern. Auf lange Sicht werden sich die Schneegrenze und Gletscherlandschaft so weit nach oben verlagert, bzw. zurückgezogen haben, dass die Wasserspeisung der Flüsse abnehmen und in der Folge die Wasserversorgung in ganz Asien unterbrochen sein wird. Allein der Ganges speist sich zu 70% aus dem Schmelzwasser tibetischer Gletscher, für andere Flüsse liegt der Wert bei 30-50%. Dazu gehören der Dri Chu (Jangtsekiang), Sênggê Zangbo (Indus), Yarlung Tsangpo (Brahmaputra), Dza Chu (Mekong) und Machu (Gelber Fluss), welche alle auf dem tibetischen Plateau entspringen und Ländern wie Indien, China, Pakistan, Bangladesch, Nepal, Vietnam, Thailand, Kambodscha, Myanmar und Laos das lebensnotwendige Wasser zuführen. 

Von den 1.3 Milliarden Menschen, die in den Einzugsgebieten der Flüsse leben, sind allein in China 300 Millionen Menschen von der Versorgung aus dem Himalaya abhängig. Wassermangel in den Städten ist bereits jetzt ein erhebliches Problem. Zusätzlich variiert der südasiatische Monsun in seiner Intensität entsprechend der Schneemassen im tibetischen Hochland; er wird vom Plateau inlands gezogen und versorgt die unteren Flussläufe und damit Millionen Menschen mit Wasser. Mit dem Schmelzen der Eisflächen werden jedoch auch die Regenfälle abnehmen und einer zunehmenden Desertifikation Platz machen. Bereits in den vergangenen Jahren belasteten mächtige Sandstürme weite Teile Chinas und hinterließen allein 2006 in Peking 336,000 Tonnen Staub und eine schwerwiegende Luftverschmutzung. Bodenerosion, weitere Sandstürme und die Ausweitung der Wüste werden kontinuierlich zunehmen und das vorhandene Ökosystem sowie das Klima über die Region hinaus grundlegend verändern.

Nomaden auf dem tibetischen Plateau. Foto: pixabay.

Rückkopplungsprozesse zwischen Boden und Atmosphäre

Wie wichtig das tibetische Hochland für die Atmosphäre ist zeigt sich an seiner Bodenbeschaffenheit. Fast das gesamte Plateau befindet sich auf Permafrost- und jahreszeitlich gefrorenem Boden, welcher die Entstehung von Feuchtgebieten begünstigt. Etwa 70% der Fläche vom Nordplateau bis zur östlichen Grenze des Hochlandes bestehen aus Weideland und repräsentieren eine der letzten agro-pastoralen Regionen der Erde. Almen, lichte Bergwälder, alpine Gebüsche und Bergwüsten machen die Vielfältigkeit des Weidelandes aus und stellen die Lebensgrundlage für heimische Viehherden und ein breites Spektrum von Wildtierarten dar. Das Auftauen der Tundra zöge folgenschwere Konsequenzen nach sich. Zum einen würden riesige, bisher im Permafrost gespeicherte, Mengen Kohlenstoff freigesetzt. Zum anderen würde die Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens vermindert, was Rückwirkungen auf die Flüsse und deren Regulierung hätte. Die sich daraus ergebenden Veränderungen der Landschaft stellen eine Bedrohung der gesamten Vegetation der Oberfläche dar.

Auswirkungen chinesischer Politik

Der Bau riesiger Staudämme durch die chinesische Regierung bedeutet einen maßgeblichen Eingriff in das Wassersystem und schürt bereits jetzt außenpolitische Konflikte mit den asiatischen Nachbarstaaten um bevorstehende Engpässe in der Wasserversorgung. Zusätzlich zu den bestehenden Talsperren plant das Land den Bau weiterer Dämme, so dass perspektivisch ein Drittel des durch Wasserkraft erzeugten Stroms aus Tibet kommt. Die unkontrollierte Bergbauindustrie stellt einen weiteren belastenden Faktor für die Umwelt dar. Der Betrieb zahlreicher Minen vergiftet das Grundwasser und zernarbt das erdgeschichtlich junge und instabile Terrain des Hochlandes. Unglücksfälle wie der Zusammensturz der Gyama- Mine am 29. März 2013 sind eine Folge dieser kurzsichtigen und profitorientierten Politik. Darüber hinaus zeugen Wilderei, Waldrodung, Überweidung, nuklearer Abfall, eine fehlende Nachhaltigkeit in der Entwicklung sowie die Vertreibung der Nomaden von ihrem Weideland von Chinas rücksichtslosem Umgang mit dem fragilen Ökosystem des tibetischen Hochlandes. Damit die Zerstörung der Natur Tibets nicht im bisherigen ungehemmten Maße voranschreitet ist die internationale Gemeinschaft dazu angehalten, sowohl ihre eigenen klimapolitischen Ziele in aller Konsequenz umzusetzen als auch den nötigen Druck auf die chinesische Regierung auszuüben, ein schärferes Umweltbewusstsein zu entwickeln und klare Maßnahmen zum Erhalt des Ökosystems auf dem Dach der Welt zu ergreifen.

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