International Campaign for Tibet
 

„Zuerst die Anderen!“ – ein Nachruf auf die Tibetunterstützerin Irmtraut Wäger

Der Dalai Lama übergibt Irmtraut Wäger im Jahr 2005 den ICT-Preis "Light of Truth". Foto: Stepniak

von Professor Dr. Jan Andersson

Am Donnerstag, 2. Oktober 2014, verstarb Irmtraut Wäger im Alter von 95 Jahren in München. Sie war über 40 Jahre eng mit Tibet verbunden und vor allem in der Deutschen Tibethilfe e.V. tätig. In den Jahren 1984-2009 war sie deren Erste Vorsitzende. Für ihr Engagement für die tibetischen Flüchtlinge wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und von der International Campaign for Tibet Deutschland e.V. (ICT) mit dem „Light of Truth Award“ 2005.

Ihr Leben verlief so ereignisreich wie die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert; sie hat ihre Lebensgeschichte im Buch „Amala – Mein Leben für Tibet“ (mit Franz Binder) im Jahr 2011 eindrucksvoll geschildert. Irmtraut Wäger wurde als viertes Kind eines Rittergutbesitzers in Ostpreußen 1919 geboren, aber die Familie verarmte durch Todesfälle und wirtschaftliche Schwierigkeiten in den 30er Jahren. Nach nur sieben Jahren Schulunterricht fing sie an zu arbeiten. Im Weltkrieg war sie in einem Krankenhaus in Königsberg tätig und dort las sie ihre ersten Bücher über Tibet. An ihrem 25. Geburtstag konnte sie zusehen, wie Bomber die Stadt in Schutt und Asche legten.

Über unzählige Umwege im Nachkriegsdeutschland kam sie schließlich mit ihren zwei kleinen Söhnen als Akkordarbeiterin und später als Büroangestellte zu Siemens in München, wo sie sich Bücher zum Thema Tibet ausleihen konnte. Hier bezog sie 1969 auch ihre legendäre Zweizimmerwohnung in der Mauthäuslstraße, die zur Zentrale der Deutschen Tibethilfe e.V. werden sollte.

Dank eines Lotteriegewinns konnte sie sich und ihren Kindern zum ersten Mal etwas gönnen – und verhalf dem bekannten Tibetologen Detlef Ingo Lauf zu einer Indien-Reise. Er vermittelte ihr auch bereits im Jahr 1964 ihr erstes „Patenkind“, einen älteren Mönch. Ihre grundlegende Einstellung im Leben, „Zuerst die Anderen“, trug jetzt für sie Früchte: Ihr  Sohn Martin spendete ihr sein erstes Gehalt für eine Indien-Reise. 1974 reiste sie nach Indien und war besonders beeindruckt von Ladakh. Später sollte sie viel Hilfe an die Tibeter in Ladakh senden. Auch in Dharamsala, Bir, Spiti und anderswo lernte sie viele Menschen kennen, die ihr im Lauf ihres Lebens wichtig werden sollten und es beeinflussen würden, kennen. Darunter war auch Dr. Hermann Gmeiner, der Begründer der SOS-Kinderdörfer. Irmtraut Wäger erzählte ihm von den Flüchtlingen in Ladakh, und Gmeiner reagierte. Insgesamt wurden sieben SOS-Kinderdörfer für tibetische Kinder in Ladakh eingerichtet, weitere folgten dann in Indien.

Zu ihrem 60. Geburtstag 1979 verabschiedete sie sich aus dem Berufsleben, und ihre Kollegen schenkten ihr zum Abschied das Geld für eine zweite Indien-Reise. Zuerst traf sie den Dalai Lama bei einem Besuch in der Schweiz – es war das erste von unzähligen weiteren Treffen. In Indien brachte sie auch Spendengelder, die sie deutschen Freunden abgerungen hatte, an eine Schule in Ladakh, einen ihrer Lieblingsorte.

Es war zu dieser Zeit unfassbar, dass eine Frau  alleine und ohne Englisch-Kenntnisse eine solche Reise unternimmt und das sogar sehr erfolgreich: Aber das ist typisch Irmtraut Wäger. Vieles hat sie in ihrem wechselvollen Leben gelernt und später zur Grundlage ihrer Arbeit erhoben: Überprüfe alles, vertraue nicht auf freundliche Worte, guck immer hinter die Kulissen, bleib immer gerecht! Diese Einstellung brachte ihr nicht immer Sympathien ein, aber sie setzte sich unbeirrt über Widerstände hinweg und blieb sich bis zum Ende ihres Lebens treu und ging ihren eigenen Weg.

In Deutschland setzte sie ihre Arbeit fort: Paten suchen, Vorträge über die Situation der Flüchtlinge halten, Spendengelder verwalten, ihre Indien-Fotos für mögliche Spenden nutzen. Sie wurde bei der bereits bestehenden Deutsche Tibethilfe tätig und übernahm das Amt der Ersten Vorsitzenden. Ihre Einsatzzentrale für die Flüchtlingsarbeit blieb weiterhin ihre enge Wohnung, mit ehrenamtlichen Helfern, die sich jeden Tag bei ihr trafen. Bei ihren insgesamt 27 Indien-Reisen – selbst finanziert! – wollte sie grundsätzlich alle geförderten Tibeter, ob Kinder, Jugendliche, Mönche und Nonnen, Alte, treffen und fotografieren um sicherzugehen, dass sie immer noch bedürftig waren. Dabei hatten die Ärmsten den Vorrang.

Über die Jahre wurden über 30 Millionen Euro Spendengelder auf diese Weise gesammelt, eingesetzt und damit über 20 000 Flüchtlingen geholfen. Es ist also keine Überraschung, wenn man unter Tibetern in Indien immer wieder von „Amala Wäger“ hört, von der Mutter, die mit dem Rucksack allein mit Bus und Bahn durch Indien reiste und immer alles genau überprüfte. Anschließend berichtete sie dem Dalai Lama über alles, was sie beobachtet und erlebt hatte, zu seiner Freude häufig auch Dinge, die sonst nicht zu seinen Ohren gekommen wären. So war es 2003 auch nicht verwunderlich, dass er einen Gegenbesuch bei ihr in München machte und verblüfft besichtigte, wie Dutzende Freiwillige diese enorme Flüchtlingshilfe aus der kleinen Wohnung heraus bewältigten.

Erst 90-jährig gab Irmtraut die Verwaltung der Spendengelder auf! Dreißig Jahre lang hatte sie sich Tag und Nacht um ihre Schützlinge gekümmert, viele rührende Geschichten erlebt, die Liebe  und Dankbarkeit vieler Flüchtlinge erfahren, aber selbstverständlich auch viele Enttäuschungen hinnehmen müssen. Nur mit preußischer Strenge gegen sich selbst hielt sie all diese Jahre durch und konnte, unterstützt von Spendern und Ehrenamtlichen, eine humanitäre Leistung vollbringen, die einzigartig ist.

Nun hat Irmtraut uns verlassen. Die positiven Auswirkungen ihrer Arbeit werden allerdings noch lange weiterwirken: So hat sie tausenden tibetischen Flüchtlingen in Indien zu einem besseren Leben verholfen. Tausenden Deutschen ist sie durch ihre Arbeit ein Vorbild geworden. Nach ihrem Lebensmotto „Zuerst die Anderen!“ hat sie uns vor Augen geführt, dass jeder Einzelne unter uns wahre Wunder der Mitmenschlichkeit vollbringen kann.

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