Im Dienste der Partei: Warum die Stadt Trier mit der Annahme eines Geschenks aus Peking einen großen Fehler begeht

04 Mai
4. Mai 2018

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ So lautet eines der wohl bekanntesten Zitate von Karl Marx. Die Kommunistische Partei Chinas schickt sich gerade an, beides zu tun, die Welt zu interpretieren und sie zugleich in ihrem Sinne zu verändern. Die Stadt Trier hat sich nun in die Reihe ihrer willigen Helfer eingereiht, auch wenn das im Moment dort nicht jedem klar zu sein scheint.

In den Tagen vor seinem 200. Geburtstag am 5. Mai kommt niemand an Karl Marx vorbei. Selbst beim Institut der Deutschen Wirtschaft gesteht man zu, dass das „Denken von Marx auch heute nicht ohne Bedeutung“ sei. Und kaum ein Aspekt des Marxschen Lebens, der nicht öffentlich erörtert würde. In der Stadt Trier, der Geburtsstadt des „größten deutschen Ideologen“, herrscht indes offenbar entfesselter Kommerz. Souvenirs und Nippes scheinen flächendeckend mit Namen und Konterfei von Marx bedruckt worden zu sein. Die „Marke Marx“ komme bei Besuchern gut an, ist in der Presse zu lesen. Natürlich gibt es auch Kritik an den Trierer Geburtstagsfeierlichkeiten. So empfinden es insbesondere die Verbände der Kommunismus-Opfer als Verhöhnung, dass dem Verfasser des Kommunistischen Manifests so viel Ehre zuteil wird.

Die überlebensgroße Marx-Statue des chinesischen Staatskünstlers Wu Weishan hingegen nimmt in der Berichterstattung oft nur eine Nebenrolle ein. Sehr zu Unrecht. Zwar haben zumindest einige Weitsichtige in dem Riesen-Marx aus China schon das Danaergeschenk erkannt, das die „großzügige Geste“ Pekings in Wahrheit darstellt. Doch die meisten Berichte konzentrieren sich dabei auf Nebenaspekte. Offenbar wird immer noch nicht von allen verstanden, mit welcher Motivation die chinesische Führung der kleinen Stadt an der Mosel anbot, den berühmtesten Sohn der Stadt in Bronze gießen und – im Gegensatz etwa zu den Pandas im Berliner Zoo – dauerhaft zu überlassen. Dass sich Peking „gewiss etwas dabei“ gedacht hat, als es der Stadt Trier gerade dieses Geschenk anbot, wie die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner vermutete, ist sicher. Leider scheint man in der Stadtverwaltung Triers die Motive der Chinesen bis heute nicht zu verstehen. Oder man ist schlicht geblendet von dem Wirtschaftsfaktor, den rund 50.000 chinesische Touristen pro Jahr für die Geburtsstadt von Karl Marx darstellen. So ist in der Presse zu lesen, dass Triers Baudezernent die geschenkte Statue als einen Beitrag betrachte, um auf China zuzugehen – „das Denkmal quasi als Symbol für den Wandel durch Annäherung an das Reich der Mitte“.

Vermutlich ist dem städtischen Beamten gar nicht klar, wie gut er damit die Intentionen der Geschenkgeber getroffen hat. Denn während man hierzulande bei der Chiffre „Wandel durch Annäherung“ unausgesprochen immer davon ausgeht, dass sich die andere Seite einem selbst anzugleichen gedenkt, sehen die Lenker in Peking die Lage genau andersherum: Die Länder des Westens sollen sich entsprechend chinesischer Vorstellungen ändern. Wie weit man auf diesem Weg schon gekommen ist, ließ sich etwa im Februar verfolgen, als sich Daimler-Boss Zetsche in einem Kotau vor Peking niederwarf, weil sein Unternehmen es in einer Online-Werbung gewagt hatte, mit einem Zitat des Dalai Lama für den Kauf neuer Mercedes-Limousinen zu werben. Nach Kritik aus China entschuldigte sich der Autobauer dafür, die „Gefühle des chinesischen Volkes verletzt“ zu haben. Was das chinesische Volk dieser Worthülse nach zu fühlen hat, wird jedoch allemal in der Führungsetage der chinesischen KP bestimmt.

Mit einer Mischung aus wirtschaftlichen Anreizen, entfesselter Propaganda und harten Strafen bei Zuwiderhandlung unterwarf Xi Jinping in den vergangenen Jahren bereits alle potenziellen Konkurrenten in China. Unterlegt mit einer immer stärker anschwellenden nationalistischen Grundmelodie hat sich die Regierung nunmehr den Rest der Welt vorgenommen. Neben Autofirmen wie Mercedes zählten zuletzt auch Hotelkonzerne, Fluglinien und Buchverlage zu den Opfern dieser immer selbstbewusster vorgetragenen Politik.

Zurück nach Trier: In dem Maße, wie sich die Stadt in Abhängigkeit von der Kaufkraft zehntausender chinesischer Touristen begibt, verliert sie ihre Fähigkeit, sich den Wünschen der herrschenden Partei zu widersetzen. Trier könnte sich überdies zu einem ersten Brückenkopf des chinesischen „roten Tourismus“ in Europa entwickeln. In China steht der Ausdruck für die Verherrlichung der Kommunistischen Partei und Mao-Personenkult. Orte, die in der Geschichte der KP eine wichtige Rolle gespielt haben, haben sich zu Touristenzentren entwickelt, an denen die herrschende Ideologie unkritisch glorifiziert wird. Ähnliches könnte – wenn auch zunächst in abgemilderter Form – in Trier passieren. Von Juni an will sich China dort zu allem Überfluss mit einer Ausstellungsreihe präsentieren, die offenbar als zynische Verkehrung der Wirklichkeit ein „offenes und tolerantes China“ sowie ein „modernes und dynamisches China“ zeigen werde. So bietet Trier ohne Not ein Einfallstor für die chinesische Staatspropaganda.

Statt eine realistische Sicht auf Geschichte und Politik zu fördern, macht sich die Stadt zum Helfershelfer der Kommunistischen Partei Chinas bei der ideologischen Indoktrinierung ihrer Bürger, sogar im Ausland. Wandel durch Annäherung? Wie es aussieht, findet der tatsächlich statt. Doch die Gefahr ist groß, dass nicht etwa China freier, sondern wir autokratischer werden.

km blog kleinAutor: Kai Müller, Geschäftsführer International Campaign for Tibet

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